Freitag, 29. Oktober 2010

Denkschrift an den Reichskanzler

In unserer kleinen Reihe historischer Texte veröffentlichen wir an dieser Stelle diese auf den Monat genau 77 Jahre alte "Denkschrift an den Reichskanzler" unserer Vorläufer-Organisation "Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" und anderer in voller Länge. Wir gehen davon aus, dass dieses zeitgeschichtliche Dokument hiermit zum ersten Mal ungekürzt und unzensiert der deutschen Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wird.

Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums

Frankfurt am Main, den 4. Oktober '33
Hanauer Landstraße 15


An den Herrn Reichskanzler, Berlin

Die ergebenst unterzeichnete Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums e.V. beehrt sich, zugleich im Namen der mitunterzeichneten beiden Organisationen anbei eine Denkschrift zur deutschen Judenfrage zu überreichen mit der Bitte um wohlwollende Würdigung.

In ehrfurchtsvoller Ergebenheit!

Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums e.V.

gez. Dr. S. Ehrmann


Die unterzeichneten orthodox-jüdischen Organisationen, die denjenigen Teil des deutschen Judentums vertreten, der in der jüdischen Religion allein den Wesensgrund und die geschichtliche Existenzberechtigung des jüdischen Volkes*) erblickt, halten sich für verpflichtet, Ihnen, Herr Reichskanzler, offen und ehrlich ihre Einstellung zu der deutschen Judenfrage vorzutragen. Diese Frage ist durch die nationale Revolution und durch die Maßnahmen Ihrer Regierung so brennend geworden, daß sie in irgend einer Form gelöst werden muß, wenn nicht die deutsche Judenheit und letzten Endes auch Deutschland selber schwersten Schaden erleiden soll. Der kämpfende Nationalsozialismus setzten Judentum, Marxismus und Kommunismus gleich und nahm von der jüdischen Religion keine Notiz. Der siegreiche Nationalsozialismus wird die Regelung der Judenfrage nicht ohne Berücksichtigung der jüdischen Religion vornehmen können, wenn diese Regelung nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit erfolgen soll. Hieraus leiten wir unsere Pflicht ab, unsere Stimme zu erheben, sowie unsere Hoffnung, daß unsere Stimme gehört wird.

I.

Mit dem Geiste der positiven überlieferten jüdischen Religion, mit dem wahren, historischen Judentum, mit der orthodoxen jüdischen Lehre, auf die das jüdische Volk verpflichtet ist, hat der marxistische Materialismus und der kommunistische Atheismus nicht das Mindeste gemein.

Seit je haben wir in Wort und Schrift den Kampf mit dieser religionsfeindlichen Gedankenwelt aufgenommen. Wir haben in der Belehrung unserer Jugend, in Vorträgen und von der Kanzel, wie in der orthodox-religiösen Presse von Anfang an dem zersetzenden Geist des Materialismus den religiösen Idealismus, die Verantwortung vor Gott und dem Volke gegenüber gestellt. Wir haben der Gottlosenbewegung den schärfsten Kampf angesagt und haben ihn durchgeführt. Gegen die Entsittlichung und Verwahrlosung, gegen kapitalistische Uebergriffe haben wir das jüdisch-orthodoxe Religionsgesetz ins Treffen geführt, das strengste Sittlichkeit in der Lebensführung gebietet, das das Streben nach Gewinn um seiner selbst Willen bekämpft und schwersten Verzicht auf materiellen Vorteil um der religiösen und sittlichen Ideen willen fordert.

II.

Gerade weil wir aber die Schäden der Zersetzung mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln längst vor Ausbruch der nationalen Revolution bekämpft haben, sind wir zu der Frage berechtigt: Sind diese Fehler und die Ausschreitungen wirklich nur von Menschen jüdischer Abstammung begangen worden? War es wirklich die jüdische Abstammung, die als Quelle dieser Fehler betrachtet werden muß?

Ist etwa das deutsche nichtjüdische Bürgertum und seine Intelligenz frei von diesen Fehlern? Waren nur Juden auf dem Gebiete der Propaganda des Materialismus und der Gottlosigkeit tätig? Es war die allgemeine Krankheit unserer Epoche, der seelenlose europäische Materialismus, der den geistigen
*) Wo in diesem Memorandum der Ausdruck „Nation“ oder „Volk“ für die jüdische Gemeinschaft gebraucht wird, ist er – im Sinne der Auffassung des orthodoxen Judentums – nicht schlechthin als Blutsgemeinschaft zu verstehen. Vielmehr betrachtet die jüdische Überlieferung die Juden als eine durch religiöse Berufung geeinte Menschengemeinschaft auf nationaler Grundlage zwar, aber mit dem absoluten Primat der Religion – derart, daß durch Uebernahme der religiösen Gemeinschaftspflichten auch der Fremdrassige die nationale Zugehörigkeit erwirbt.
Verfall und Unsittlichkeit förderte, der Korruption und Verrat gedeihen ließ und der moralisch und materiell all diese Bestrebungen unterstützte.

Könnten nicht genug Namen auch im Auslande genannt werden von Politikern und Schriftstellern, die nicht dem Judentum entstammen und die mit allen Mitteln Gottlosigkeit und Sittenverwilderung fördern, die materialistische Ideen billigen und den völkischen Geist zerstören? In der zweiten Internationale, die das Fundament des Marxismus bildet, und ebenso in der ihr verwandten dritten Internationale, der Komintern, besteht nur ein Teil aktiver Mitglieder aus Juden. Das Politbüro, welches Rußland regiert, wird von dem Grusinier Stalin geführt, in seinen Reihen befindet sich nur ein einziger Jude. Wir halten uns daher für berechtigt, in ganz entschiedener Form die Behauptung unserer Gegner zurückzuweisen, Judentum und materialistischer Marxismus sei identisch. Nein! Nach seiner wahren Natur, seiner geistigen Haltung, seiner überlieferten orthodoxen Anschauung ist das Judentum schärfster Feind des Materialismus und Atheismus und der Gedankenwelt des Klassenkampfes und der blutigen Gewalt, wie sie heute in Rußland herrscht und ein 150 Millionen-Volk, vor allem aber die russische Judenheit in ihrem glaubenstreuen Kern, zu Grunde richtet.

III.

Es wurde die Behauptung der Schädlichkeit und Minderwertigkeit der jüdischen Rasse von der nationalsozialistischen Partei Deutschlands aufgestellt. Eine Auseinandersetzung mit der Beweisführung und den Ergebnissen der wissenschaftlichen Rassentheorie würde hier zu weit führen. Nur dies eine wollen wir uns erlauben zu bemerken:

Das jüdische Volk ist auch geistig dem Deutschen kein unbekannter Fremdling. Die jüdische Bibel und die von Juden erfühlten und geschriebenen Schriften des neuen Testaments haben in tausendjährigem Wirken dem deutschen Wesen unauslöschliche Züge aufgeprägt, haben es von innen heraus gebildet und bestimmt. Wer will ermessen, ob an der von schlichten, frommen Müttern und Vätern ererbten Seele deutscher Menschen, deutscher Künstler und deutscher Geistesführer die Psalmen König Davids und die hohe prophetische Sittlichkeit jüdischer Gotteskünder im einzelnen größeren oder geringeren Anteil haben, als das nordische Blut der Wikinger und die Erbschaftsmasse germanischer Helden?

Wohl wird das Losungswort der Befreiung von fremdrassigen jüdischem Einfluß bei Einzelnen im nationalsozialistischen Lager auch auf die Bibel angewendet.

Aber wir sehen, wie das neue Deutschland die Kirche als gewaltige und unentbehrliche Geistesmacht für den Aufbau eines gesunden Volkslebens schätzt und schützt, und keine christliche Kirche kann, mag sie auch noch so völkisch aufgebaut sein, die Brücke zu ihrer eigenen Heilsgeschichte abbrechen.

Wenn uns vorgeworfen wird, daß jüdische Ueberintellektualisierung, daß überspitzte Kritik eines überalterten Kulturvolkes ein gefahrvolles Element der Zersetzung für das deutsche Wesen bildet, wenn man versucht, dies als naturbedingtes Erbteil jüdischen Blutes hinzustellen, und wenn man hierbei auf all die modern-jüdischen Literaten und Wissenschaftler, Journalisten und Künstler hinweist, so behaupten wir mit Recht: All diese sind geistig durch und durch Erzeugnisse des modernen rationalistischen Geistes. Das wahre jüdische Blut, die wahre jüdische Rasse, wie sie unter der beispiellosen dreitausendjährigen Zucht und Erziehung der jüdischen Religion geworden ist, wird durch niemand weniger repräsentiert als durch entwurzelte Juden, die in all ihren Wesenszügen seelisch Europäer des 20. Jahrhunderts, aber nicht Juden sind.

Das wahre jüdische Volk, wie es noch heute in Millionen stillen frommen Häusern ein eigenes Leben lebt, ist ein tiefgläubiges heiligen Idealen sich hingebendes Volk, ist eine gottdurchdrungene, in jugendlichem Mystizismus seelisch unberührte, auf eine reine ideale Zukunft wartende Gemeinschaft. Das jüdische Volk, von seiner überlieferten Religion geleitet, ist ein still und bescheiden seinen Lebensweg wandelndes, pflichtgetreues und hilfsbereites Volk.

Im Kampf gegen den materialistischen Geist des Marxismus wird nur die Wiedererweckung der religiösen Voraussetzungen, wird nur die Rückkehr der Gesellschaft zu Gott Erfolg haben können. Das wahre religiöse jüdische Volk – es könnte dem deutschen Volke, das vom Gottesglauben geleitet, sich erneuert und verjüngt, in diesem Kampf zur Seite stehen.
IV.

In dem Kampf gegen die jüdische Gemeinschaft spielt die Greuelpropaganda innerhalb der Deutschland feindlichen Staaten eine wesentliche Rolle.

Es muß sich die nationalsozialistische Partei darüber klar sein, daß durch ihre gegen die ganze jüdische Rasse ausgesprochene Kriegserklärung die Juden aller Länder in ihrer Ehre, in ihrer vornehmsten Anschauung und Empfindung, sich verletzt fühlten. Es wäre unnormal gewesen, wenn eine solche Ehrkränkung nicht in einem jeden Juden, wo auch immer, eine Reaktion hervorgerufen hätte. Die Feinde Deutschlands verstanden es, diese Entrüstung auszunützen.

Die deutsche nationale Regierung sah sich zur Abwehr gezwungen. Leider hielt sie oder besser die NSDAP, es für richtig, ihre ganze Erbitterung auf das deutsche Judentum zu entladen, indem sie ihm den wirtschaftlichen Boykott erklärte. Wir stehen nicht an, diese Maßnahmen als einen katastrophalen Irrtum und eine schwere Ungerechtigkeit zu bezeichnen. Niemals war das deutsche Judentum mitverantwortlich für das Verhalten der Juden anderer Länder. Wo Juden in der Greuelpropaganda ein Unrecht taten, so geschah es aus eigenem Antrieb, aus eigenem verletztem Ehrgefühl. In Wahrheit wurde diese Propaganda hauptsächlich von den Radikalen, Marxisten und Kommunisten aller Länder und Rassen betrieben. Dann aber war der Boykott gegen das deutsche Judentum auch ein Schlag gegen die eigene deutsche Wirtschaft. Die Ereignisse der Boykottage wurden von der ganzen Welt unter starker Vergrößerung und Entstellung des Geschehenen und unter Aufbauschung einzelner bedauerlicher Episoden als Material für den Feldzug gegen die nationale Bewegung Deutschlands verwertet.

Die überwiegende Mehrheit der deutschen Judenheit hat von Beginn der Greuelpropaganda alles, was in ihren Kräften stand, getan, um diese beklagenswerten Erscheinungen zu verhindern. Wir könnten viele beglaubigte Tatsachen vorbringen, welche Schritte auf telegraphischem und brieflichem Wege von deutschen jüdischen Organisationen und von einzelnen geistlichen Führern bei unseren ausländischen Glaubensgenossen unternommen wurden. Wir haben sie energisch gebeten, darauf hinzuwirken, daß diese für Deutschland und also für das gesamte deutsche Judentum so schädliche Propaganda aufhöre. Als ein Beispiel unserer Intervention mag das folgende Telegramm dienen, das aus Berlin von dem Rabbiner der Berliner orthodoxen Gemeinde, Dr. Esra Munk, an den orthodoxen Rabbiner Jung in Newyork geschickt wurde.

Es lautet folgendermaßen:
26. 3. 1933. Rabbi Jung, Newyork, 131 West 86th Street.

Die den Tatsachen grell widersprechenden Meldungen über Greuel-Exzesse gegen die Juden Deutschlands veranlassen mich in Uebereinstimmung mit allen Kollegen an Sie als den langjährigen Freund, den Besucher hiesiger Hochschulen und Kenner des deutschen Volkes den Appell zu richten, mit nachdrücklichster Entschiedenheit solche Berichterstattung als sträflich, weil wahrheitswidrig zu brandmarken, als ungeheure Uebertreibung von Ausschreitungen Einzelner in der Wahlzeit. Sorget ungesäumt für weitgehendste Benachrichtigung in den amerikanischen Montagszeitungen im Sinne dieses Telegramms.

Rabbiner Dr. E. Munk.

Dieses Telegramm wurde zur Gegenwirkung gegen die für Montag, den 27. März in Newyork geplante Demonstration vor der Ankündigung und Durchführung des Boykotts in Deutschland abgesandt. Aber weder es, noch unsere anderen Schritte haben die schweren Tage ferngehalten, da die gesamte jüdische Bevölkerung demonstrativ einer allgemeinen öffentlichen Verachtung preisgegeben wurde. Wir könnten manche Beweise unserer Einwirkung auf die internationale öffentliche Meinung zu Gunsten Deutschlands vorlegen, - insbesondere seien auf die fortgesetzten Bemühungen des in Deutschland domizilierenden Präsidenten der orthodoxen Welt-Organisation „Agudas Jisroel“ in der holländischen, englischen und amerikanischen Presse und die erfolgreiche Intervention der gleichen Organisation zur Verhinderung des in Polen beabsichtigten religiösen Bannes auf deutsche Waren hingewiesen – aber es wäre nicht ehrlich, wenn man im Augenblick behaupten wollte, daß in der Welt eine Beruhigung eingetreten sei, daß im Auslande – allerdings in weniger aktiver Art und Weise – der Boykott deutscher Waren seitens der antideutschen Propaganda nicht fortgesetzt würde. Unbestreitbar ist auch die Tatsache, daß die Agenten der zweiten und dritten Internationale sich häufig unter der Maske des Judentums verbergen und eine gegen Deutschland gerichtete Schädlingsarbeit betreiben, daß sie fälschlich vor der Weltöffentlichkeit als unsere Freunde und Verteidiger auftreten. Auf diese Gefahr haben wir unsere ausländischen Glaubensgenossen wiederholt aufmerksam gemacht.

Unsere orthodoxen jüdischen Organisationen sind willens, eine besondere Delegation in das Ausland zu senden, um eine richtige Darstellung der innerdeutschen Vorgänge zu geben. Wir werden ihr den Auftrag geben, mit öffentlichem Protest gegen die Versuche Böswilliger aufzutreten, die schwere Lage Deutschlands und der deutschen Juden durch Einmischung in die Beziehung der deutschen Juden zu der nationalen Regierung zu verschlimmern.

Die Delegation wird dort erklären, daß die deutsche jüdische Orthodoxie ihr staatsbürgerliches und menschliches Recht selber offen und loyal vor der nationalen Regierung verteidigen wird.

Das deutsche Judentum lehnt in entschiedenster Weise irgend welche Einmischung von außerdeutscher Seite in seine inneren Angelegenheiten ab. Es betrachtet jeden äußeren Druck auf die deutsche nationale Regierung als einen dauernden Schaden für sich selbst.
V.

Ehe wir auf die derzeitige Lage der deutschen Judenheit eingehen, sei, so sehr uns dies widerstrebt, doch darauf hingewiesen, wie gewaltig in den schweren Zeiten des Weltkrieges das jüdische Blutopfer, wie es verhältnismäßig ebenso groß wie das der übrigen Deutschen war.

Das „Gedenkbuch der jüdischen Gefallenen des deutschen Heeres, der deutschen Marine und der deutschen Schutztruppe“, von einem warmen Anerkennungsschreiben des Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg begleitet, widerlegt in erschütternder Weise ein für alle Mal den Vorwurf der Drückebergerei der Juden. Endlose Aufstellungen enthält es von denen, die die Treue bis zum Tode im Felde hielten, in alphabetischer Reihenfolge und zum zweiten Mal als Ortsverzeichnis mit Angaben über Wohn- und Geburtsort, Geburtsdatum, Todestag, Dienstgrad, militärischer Einheit und amtlicher Verlustmeldung. Unter Beistand des Spandauer Zentralnachweisamtes hat sich ergeben, daß der Kriegsverlust der deutschen Juden über 12.000 Gefallene beträgt. Zehntausend und sechzig Namen, darunter dreihundertzweiundzwanzig Offiziere und einhundertfünfundachtzig Sanitätsoffiziere konnten durch die Verlustkarten des Spandauer Amtes, die übrigen anders identifiziert werden. Eine große Zahl unbezweifelbarer Kriegsopfer wurde dabei noch nicht einmal erfaßt, weil sie bei ihrem Ableben in keinem Militärverhältnis mehr standen.(.....) Durch Vergleich der Ziffern mit der deutschen Gesamtzahl erhält man für beide Bevölkerungsmassen das gleiche Verhältnis der Kriegsverluste wie bei der Gesamtbevölkerung. In der gleichen Größe und Beweisbarkeit wie der arische und in der gleichen Vorbehaltlosigkeit und Loyalität wie dieser wurde der jüdische Blutzoll dargebracht.

Daß auch Einzelleistungen der Juden nicht hinter denen ihrer Kriegskameraden zurückstanden, zeigt auch das jüdische Fliegerbuch, das 164 jüdische Kriegsflieger ermitteln konnte, die in zahllosen Luftkämpfen ihre Opferbereitschaft für die Heimat bewiesen und von denen 30 den Heldentod starben. Als einer der ersten im Kriege trug der jüdische gefallene Flieger-Leutnant Franke die höchste Auszeichnung, den Orden Pour le Mérite.

Nicht um eines Dankes für dieses Blutopfer willen haben wir diese Ausführungen gemacht. Wir wissen, wie die Vergünstigungen für die Hinterbliebenen der Frontgefallenen und für die Frontkämpfer, die in den Gesetzen der nationalen Regierung sich finden, nur unter schweren inneren Hemmungen und um ihrer Lebensexistenz willen von den Betroffenen entgegengenommen werden. Denn wie sie hat das ganze deutsche Judentum ausnahmslos, das sollte damit gezeigt werden, seine Pflicht, als es von seinem Monarchen gerufen wurde, voll getan. So empfindet es doppelt schwer die von dem gleichen deutschen Volke, für das es zu sterben bereit war, gegen es geschaffene Rechtslage.
VI.

Die Lage der deutschen Judenheit aber, wie das deutsche Volk sie zurzeit geschaffen hat, ist eine völlig unerträgliche, sowohl was ihre Rechtsstellung wie ihr wirtschaftliches Sein, wie auch was ihr Ansehen und ihre religiöse Betätigungsmöglichkeit betrifft.

Die Rechtslage der deutschen Juden stellt sich nach Durchführung der von der nationalen Regierung beschlossenen Gesetze folgendermaßen dar. Aus dem staatlichen und kommunalen Dienst ist der Jude ausgeschlossen, aus dem kulturellen Leben, aus den Bildungsinstituten, von den Kathedern der Wissenschaft sind Juden entfernt. Von jüdischen Studenten und Schülern aller Hoch- und Mittelschulen soll nur eine beschränkte Zahl und zu einer Reihe von Prüfungen auch nicht einmal diese zugelassen werden. Die Angelegenheiten öffentlicher und kommunaler Organisationen zu vertreten ist jüdischen Anwälten verboten. Jüdische Aerzte haben das Recht verloren, für die Krankenkassen tätig zu sein. Aus den öffentlichen Krankenhäusern sind sie entfernt. Die jetzt noch geltenden Ausnahmen, welche für die besondere Kategorie der Frontkämpfer und ihre Angehörigen gemacht worden sind, ändern nicht die Hoffnungslosigkeit für den ärztlichen Nachwuchs. Aus dem ständischen Aufbau des neuen Reiches sind fast überall die Juden ausgeschlossen.

Darüber hinaus ist eine wirtschaftliche Betätigung, selbst wo Gesetze nicht bestehen, außerordentlich erschwert. Wenn auch die Tätigkeit der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet durch direkte Gesetze nicht beschränkt ist, so wird doch in ganz Deutschland faktisch ein antijüdischer Boykott durchgeführt. Den staatlichen, kommunalen und öffentlichen Unternehmungen, sowie durch Parteiverfügung sämtlichen Mitgliedern der NSDAP, ist es verboten, bei Juden zu kaufen. Vielfach sind auch einfache jüdische Angestellte, geschweige denn jüdische Mitglieder der Verwaltungen, von den Wirtschaftsunternehmungen entfernt worden.

Als Ergebnis dieser rechtlichen und tatsächlichen Verhältnisse bleiben Zehntausende deutscher Juden plötzlich ohne alle Existenzmittel. Die weitere Existenz vieler anderer Zehntausende ist als indirekte Folge davon der Vernichtung verfallen. Während als logische Konsequenz aus der Zurückdrängung der Juden (…..) eine positive Förderung des jüdischen Anteils in Handwerk und Landwirtschaft folgen müßte, wenn den Juden überhaupt ein Lebensraum gelassen werden soll, ist von einem solchen Bestreben staatlicherseits bisher nichts zu bemerken. Im Gegenteil wird der Boykott gegen die Juden auch in den Handwerksorganisationen mit größtem Nachdruck betrieben und es ist auch kaum eine Möglichkeit für Juden vorhanden, sich landwirtschaftlich zu betätigen.

Das bedeutet demnach die Verurteilung der deutschen Judem zum langsamen, aber sicheren Hungertode.

Hierzu kommt die Diffamierung des Judentums, die es an seiner Ehre trifft, die in immer steigendem Tempo das Volk gegen die Juden einnimmt und ihnen die Luft zum Leben raubt. Im offziellen Gesetzestext werden Juden den Farbigen gleichgestellt. In Schulbüchern wird der Jude ohne Unterschied als Ausbund aller Schlechtigkeit dargestellt und die Jugend so von vorneherein zur Feindschaft gegen jeden Juden erzogen. In der Presse, im Rundfunk und in Reden wird jede Schlechtigkeit eines Juden verallgemeinert, als jüdisches Verbrechen gezeichnet und so das Judentum mit ihm identifiziert.

Aber auch das religiöse Leben, das eine Quelle sittlicher Erziehung und Veredelung sein könnte, wird gehemmt. Der rein religiöse Unterricht findet keine staatliche Unterstützung mehr; religiöses Schulwesen bricht zusammen und religiöse Gemeinden, der Rahmen für das einzige und letzte Mittel, ihre Mitglieder zu edlen, gottdurchdrungenen Menschen zu erziehen, können sich nicht halten mangels staatlicher Unterstützung und durch die Vernichtung der Existenz ihrer Mitglieder.

Zu allem übrigen tritt das für den orthodoxen Juden schwerste persönliche Einschränkung bedeutende Gesetz des Verbotes des rituellen Schächtverfahrens.

So stellt sich die Lage der deutschen Judenheit auch dem um Objektivität bemühten Beurteiler in der ganzen Welt als eine geradezu verzweifelte dar und man muß begreifen, daß nur allzu leicht die deutsche nationale Regierung verdächtigt werden kann, sie habe bewußt das Ziel der Vernichtung des deutschen Judentums ins Auge gefaßt. Dieser falschen Vorstellung muß mit konkreten Argumenten entgegen getreten werden können, wenn eine Aufklärungstätigkeit im Auslande Erfolg haben soll.

Das orthodoxe Judentum will die Ueberzeugung nicht aufgeben, daß es nicht das Ziel der deutschen Regierung ist, die deutschen Juden zu vernichten. Mag auch bei Einzelnen eine solche Absicht vorliegen – wir glauben nicht, daß sie bei dem Führer, bei der Regierung Deutschlands Billigung findet.
VII.

Aber wenn wir uns täuschen, wenn Sie, Herr Reichskanzler, und die von Ihnen geführte nationale Regierung, wenn die verantwortlichen Mitglieder der Reichsleitung der NSDAP, sich in der Tat als Endziel die Ausmerzung des deutschen Judentums aus dem deutschen Volke gesetzt haben sollten, dann wollen wir uns nicht länger Illusionen hingeben und lieber die bittere Wahrheit erfahren.

Uns offen die Wahrheit zu sagen, liegt in Ihrem und im Interesse des ganzen deutschen Volkes. Dann würden wir es vorziehen, Ihre Absicht als Tatsache zu betrachten und müßten uns danach einrichten.

Wir bekennen, daß dies für uns eine unsägliche Tragödie wäre. Wir haben den deutschen Boden lieben gelernt. Er trägt die Gräber unserer Ahnen, vieler großer heiliger Männer und Frauen des jüdischen Volkes. Wir sind in zweitausendjähriger Geschichte mit diesem Boden verwachsen; wir haben die deutsche Sonne lieben gelernt; sie hat in all den Jahrhunderten unsere Kinder reifen lassen und ihrer jüdischen Art manche gute besondere Note beigegeben. Und wir haben das deutsche Volk lieben gelernt. Es hat uns, zumal im Mittelalter, zuweilen weh getan. Aber wir haben auch seinen Aufstieg miterlebt. Mit seiner Kultur fühlen wir uns eng verbunden. Sie ist ein Teil unseres geistigen Seins und hat uns deutschen Juden eine eigene Prägung gegeben.

Und doch würden wir dann den Mut aufbringen müssen und können, unser tragisches Schicksal auf uns zu nehmen und seine Wendung dem Gott der Geschichte vertrauensvoll anheimgeben.
VIII.

Wenn aber die deutsche nationale Regierung nicht die Vernichtung der Kräfte des deutschen Judentums will, wenn sie uns wohl von der Einflußnahme auf die öffentliche Gestaltung zurückdrängen und diese den Deutschstämmigen allein vorbehalten, uns aber einordnen will in den Prozeß des Wiederaufstiegs der deutschen Nation, wenn sie das sittliche, dem Materialismus todfeindliche Judentum erhalten will, dann möge auch dies sie uns offen sagen.

Wir werden unter Berücksichtigung der geschaffenen Atmosphäre von der deutschen Regierung nicht von heute auf morgen die Aufhebung aller gegen die Juden gerichteten Einschränkungen fordern, obwohl wir sie für einen großen historischen Irrtum halten, wir wollen der nationalen Regierung nicht Schwierigkeiten schaffen.

Wenn auch mit wehem Herzen würden wir uns heute mit manchen Beschränkungen abfinden müssen. Das orthodoxe Judentum hat niemals eine Uebermacht im Wirtschaftsleben gesucht, die unter Innehaltung der religiösen Vorschrift der Sabbatweihe, die den Juden vor Materialisierung schützt, ja gar nicht möglich ist. Es hat Taufe und Mischehe stets schärfstens bekämpft.

Aber einen Lebensraum innerhalb des Lebensraumes des deutschen Volkes erstreben wir, die Möglichkeit, ungefährdet und nicht geschmäht unsere Religion ausüben und unserem Beruf nachgehen zu können. Treue werden wir stets unserer Religionsverpflichtung gemäß der Staatsregierung wahren. Innerhalb des deutschen Volkes wird sich der deutsche Jude mit Freuden an der Aufbauarbeit der deutschen Nation beteiligen und was in seinen Kräften steht, auch für die Gewinnung von Freunden außerhalb von Deutschlands Grenzen tun.

Indem wir, Herr Reichskanzler, diese Darlegungen Ihrer gerechten Prüfung unterbreiten, bitten wir als Vertreter der unterzeichneten Organisationen, die seit Jahrzehnten die religiösen Belange des orthodoxen deutschen Judentums wahrnehmen, um Gelegenheit zu einer baldigen Aussprache. Wir sind überzeugt, daß eine solche Aussprache nicht zum wenigsten dem höheren innen- und außenpolitischen Interesse Deutschlands dienen würde, das eine Klärung jenes Verhältnisses und einen allmählichen Ausgleich der aus der heutigen Lage erwachsenen Spannungen gebieterisch fordert.

Indem wir einer geneigten Gewährung unseres Gesuches entgegensehen, verbleiben wir in Ehrerbietung.

Reichsbund gesetzestreuer Synagogengemeinden in Halberstadt
gez. Rabb. Dr. M. Schlesinger, Halberstadt
Rabb. Dr. E. Munk, Berlin


Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums e.V. in Frankfurt a. M.
gez. Dr. S. Ehrmann
Dr. J. Breuer


Landesorganisation der Agudas Jisroel in Deutschland in Berlin
gez. Rabb. Dr. M. Auerbach, Berlin
Jacob Rosenheim, Frankfurt a. M.

Kommentare:

  1. Sehr geehrter Herr Cabelmann,

    zu diesem Thema steht auch einiges in dem Werk "Geschichte unserer Zeit" von Dr. Karl Siegmar, Baron von Galera, Band 7, neunzehntes Kapitel ab Seite 254.

    Das Schauspiel "Professor Mamlock" von Friedrich Wolf reiht sich in diesen geschichtlichen Komplex wohl auch mit ein. So verstehe ich dies.

    Auch gehört das dazu:

    http://www.bernd-schubert.de/geschichte/zeitgeschichte-chemnitz.html

    "Das Ganze spiegelt sich in seinen Teilen wieder".

    Mit freundlichen Grüßen

    Bernd Schubert

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  2. Hat der Reichskanzler diese Schrift jemals erhalten, bzw. gab es von ihm eine Rückmeldung diesbezüglich?

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