Donnerstag, 22. Dezember 2011

Die Chanucka der Makkabäer

Von SAMSON RAPHAEL HIRSCH sel. A.

Doch noch ein Kampf und noch eine Chanucka stand ihnen bevor. Siegreich hatte sich das göttliche Gesetz in Überwindung der Feindseligkeit Fremder bewährt. Hatte seine Treuen beschützt und ihre Feinde selbst in Freunde und hochachtende Beschützer verwandelt. Die ganze Reihe der Perserkönige hindurch hatte sich diese Achtung und dieser Schutz mit wenigen Unterbrechungen vererbt. Und selbst ein Alexander, der das Perserreich zertrümmert hatte und eine Welt sich zu Füßen sah, beugte sein siegreiches Haupt vor der Hoheit des göttlichen Gesetzes.

Wer ermißt die Folgen, wenn Judäa so fortgefahren hätte, unbekümmert um seine politische Größe, ungereizt und unberührt von dem ganzen folgenden Strudel der politischen Völkerbewegung, nur seiner göttlichen Aufgabe, der Erkenntnis und der Erfüllung seines göttlichen Gesetzes zu leben, und es in Mitte aller, Ruhm und Eroberung und Macht und Einfluß erstrebenden Nationen eine gegeben hätte, der es, selbst mit Verzichtleistung auf politische Selbstständigkeit, genügt hätte, in stiller Erhabenheit des Heiles der Menschheit zu warten! Welch ein mächtiger und weithin reichender Sieg wäre damit der Huldigung des göttlichen Gesetzes auf Erden bereitet worden.

In der Anerkennung und Huldigung, die die Perserkönige und nach ihnen der Welt erobernde macedonische Held ihm gezollt, war der Anfang gegeben, und keine Gefahr schien fortan diesem Gesetz und seinen Trägern von außen zu drohen, wenn - ihm nicht der Feind im eigenen Innern erwachsen wäre.

Mit den siegreichen Waffen, die der macedonische Held bis nach dem Ganges hin trug, brachte er zugleich griechische Kunst und griechische Sitte und griechische Weltanschauung und jene griechische Weisheit und Bildung in die asiatische Welt, die die schöne Sinnlichkeit des Menschen idealisierte und eine Vorstufe für jenes einstige Ziel der göttlichen Menschenvollendung bildet, das in dem, das ganze Menschenleben göttlich weihenden jüdischen Gottesgesetz schon offenbart war und ist. Die ästhetische Erziehung der Menschheit bildet eine Vorstufe für die Erziehung der Menschheit zu dem Ideal jener höheren Schönheit des durch Menschentat verwirklichten Gottesgedankens, dessen Offenbarung eben das jüdische Gottesgesetz enthält. Die griechische Weisheit brachte den Menschen das Bewußtsein ihrer Bestimmung der Selbstvollendung nach einem Ideal hin; allein dieses Ideal war die schöne Sinnlichkeit in Kunst und Genuß. Das jüdische Gottesgesetz gibt den Menschen das Bewußtsein ihrer Bestimmung der Selbstvollendung nach einem Ideal hin; aber dieses Ideal ist die Gottesebenbildlichkeit in Gedanken und Tat. "Gott öffnet die Gemüter dem japhetischen Geist; läßt aber in Sem's Hütten seine Gegenwart ruhen."

Diese griechische Bildung war ein Fortschritt für die ganze übrige asiatische Welt. Für Judäas Söhne des Gottesgesetzes wäre sie eine Verleugnung ihres priesterlichen Berufes, ein trauriges Zurückversinken in die heidnische Nacht gewesen.

Aber nur die priesterlich geweihte Brust ist gestählt gegen den japhetischen Reiz. Die Schwachen fallen leicht der mit Anmut verkleideten Sinnlichkeit zum Raube. Und zu einem solchen Köder sollte im priesterlichen Judäa der japhetische Reiz von selbstsüchtiger Leidenschaftlichkeit gebraucht werden.

Nicht Alexander nur, auch seine Feldherrn, die nach ihm die Herrschaft der bezwungenen Welt unter sich teilten, die Ptolomäer in Egypten und insbesondere die Seleuciden in Syrien, die unmittelbaren Vorgänger des Antiochus Epiphanes, haben dem göttlichen Gesetze der ihrer Herrschaft zugefallenen Juden fast ohne Ausnahme hohe Achtung gezollt. Es sind uns noch die Dekrete aufbewahrt, in welchen sie den Bekennern dieses Gesetzes und seinem Tempel Freiheit, Schutz, Förderung und ungehinderte Erfüllung aller gesetzlichen Pflichten sichern. Nicht im Wahnsinn wäre es dem Antiochus eingefallen, einen Vernichtungskrieg gegen das jüdische Gesetz zu beginnen, wären nicht Juden, wären nicht Priester des jüdischen Gesetzes mit Verachtung desselben vorangegangen und hätten zuerst den Gedanken an die Möglichkeit seiner Vernichtung erzeugt. Aber nicht im Volke, im Kreise seiner Priester und Großen erzeugte sich die Gefahr.

Alles, was hellenische Bildung und hellenischer Götterdienst für die Sinne und für schwache Gemüter Bestechendes hat, wurde vor den Augen des Volkes in der Gottesstadt, in dem Tempel des Einzigen entfaltet; alles, was Hofgunst und Königswohlwollen und bürgerliche Ehren, Freiheiten und Vorzüge Verlockendes bieten, wurde als Lohn für die Vermählung mit dem süßen Geist des Hellenismus geboten; alles, was der wütende Geist der Verfolgung, der im Widerstand nur Trotz und Hartnäckigkeit erblickt, an Martern und Qualen, an Tod und Pein nur Schreckendes erfinden konnte, wurde als Strafe der Treue und der Beharrlichkeit beim göttlichen Gesetz diktiert - Beschneidung, Sabbatfeier, Gesetzesstudium wurden todeswürdige Verbrechen, mit Martern und Tod wurde zum Genuß verbotener Speisen und zu Opfer auf den Altären hellenischer Götter gezwungen, vogelfrei wurde der Jude in heidnischer Umgebung erklärt, der sich nicht an den heidnischen Opfern beteiligen würde, die Unschuld der Jungfrauen fiel der viehischen Lust zum Opfer, nicht einmal mehr nennen durfte der Jude den Namen des ewig einzigen Gottes, und Priester des alleinigen Gottes und Vornehme und Große im Volke gingen mit dem Beispiel des Abfalls voran, priesen den hellenischen Geist, wetteiferten im Glanz seiner Bildung, erklärten als Torheit die dem alten isolierenden Gesetze bewahrte Treue, bürdeten alles von jeher den Juden gewordene Leid nicht seine Ungehorsam, sondern seiner Befolgung des göttlichen Gesetzes auf und warfen das Gewicht ihres Ansehens und Beispiels in die Schale des Abfalls. Ist es ein Wunder, daß da in Jerusalems Gassen mit Rosen bekränzte Göttertempel prangten, Rosenkränze über dem Eingang der Läden und Höfe die Weihe derselben an die hellenischen Götter bezeugten und die Stirn von Stieren und Lasttieren das Bekenntnis trug, daß ihre Besitzer keinen Teil mehr am Gotte Israels hätten - ist's ein Wunder, daß sich Schwache im Volke vorfanden, ein Wunder, daß nicht das ganze Volk die Treue bewährte?

Und dennoch leuchtete hoch die Treue der Treuen hervor.
Mit ihren Säuglingen am Halse von der Mauer herabgestürzte Mütter, die - ihre Säuglinge beschnitten hatten, in Höhlen verbrannte - Schabbatfeierer, Männer, Frauen, Kinder, Greise, die den härtesten Martertod erlitten, um nur keine verbotene Speise zu genießen, um nur ihr Knie nicht vor den Götteraltären zu beugen, um nur auch nicht einmal zum Scheine das Gesetz zu brechen - Elasar der Greis - Hanna, die Mutter mit ihren sieben Söhnen, seht, sie haben alle schon den Martertod gelitten, der kleinste, der jüngste, der siebte ist übrig, - an das Muttergefühl apelliert der Tyrann um das zarte Kind zu retten, sie verspricht ihm zuzureden, und nimmt ihn in den Arm und drückt ihn an die Brust, und erinnert ihn an die Schmerzen, die sie um ihn erduldet, an die Pflege, die sie ihm gezollt, an die Liebe, die sie ihm gespendet, und mahnt ihn, bittet ihn und beschwört ihn - nicht schlechter sein zu wollen als seine Brüder, sie ihn dort oben einst nicht vermissen zu lassen, sie zur glücklichen Mutter zu machen, alle, alle ihre Söhne, auch den jüngsten, dort oben beim Vater im Himmel wieder zu finden, und zu sterben, und nicht mit sündhaftem Frevel sein Leben zu erkaufen - und er stirbt, heldenmütig, der Jüngste, und mit ihm die Mutter, "die glückliche Mutter der Söhne!"

Da zeichneten zuerst Märtyrer ums göttliche Gesetz sich ein in das ewige Gedächtnis ihres Volkes und wurden die leuchtenden Sterne für alle die Treuen, die einst in den dunkeln Jahrhunderten der Verfolgung gleich ihnen den Weg zu Scheiterhaufen und Marter um ihrer Gesetzestreue willen finden sollten.

Aber nicht im standhaften Martertod gipfelt die aus dem Gottesgesetze quillende göttliche Kraft.

Höher noch als der Tod ist das tatenreiche Leben, ist der mutige Kampf, ist das gottvertrauende Ringen ums göttliche Gesetz, ist der starke Mut und der kühne Sinn und die gottinnige Tat, die die Zahl der Genossen nicht zählt, die die Abgründe der Gefahren nicht schätzt, die die Berge der Schwierigkeiten nicht achtet, die nur den Gotteswillen kennt und die Gotteskraft fühlt und den Gottesbeistand ahnt und der Gottesbegeisterung folgt und stark und mutig den Arm erhebt und - gälte es auch allein - in Gottes Namen die Standarte des göttlichen Gesetzes aufpflanzt und mit ihrer Kraft die Schwachen, mit ihrer Begeisterung die Mutlosen, mit ihrem Siege die Schwankenden zu wecken und zu begeistern, zu halten und zu sammeln versteht, und dem Heiligtum nicht heilige Gräber, sondern ein frohes, freies, frisches, gottdurchdrungenes Leben wieder zu erkämpfen weiß.

Und der Triumph sollte dem göttlichen Gesetze werden.

Sie kommen nach Modin. Der Götteraltar ist errichtet. Und zu dem Mathathias, dem greisen Priester, spricht der Hauptmann: Du bist der Vornehmste und Angesehenste in der Stadt und hast viele Söhne und großen Einfluß. Gehe du den Andern voran und befolge des Königs Gebot, wie alle Provinzen und wie auch die Männer von Judäa in Jerusalem getan, so wirst du und deine Söhne einen gnädigen König haben und ihr werdet mit Gold und Silber und großen Geschenken belohnt werden.

Aber Mathathias entgegnet: Und wenn auch alle Länder Antiochus gehorsam wären und jedermann abfiele von seiner Väter Gesetz und willigte in des Königs Gebot: ich und meine Söhne und Brüder, wir werden doch nicht von Gottes Gesetz abfallen, werden doch nicht des Königs Gebot befolgen und hellenische Sitten annehmen.

Und als gleichwohl inzwischen, während Mathathias, der Greis, der Priester, also mit dem Hauptmann verhandelte, ein Jude hingetreten war und vor aller Augen auf dem Götteraltare nach des Königs Gebot opferte - erschlug Mathathias den Juden bei dem Altar und den Hauptmann des Antiochus und warf den Altar um und zündete mit seinem Pinchaseifer die Begeisterung seiner Söhne und aller der Treuen im Volke, und vertraute Gott und wagte den Kampf und erstritt den Sieg und rettete durch seinen und seiner Heldensöhne in langen fortgesetzten Kämpfen ungeschwächt betätigten Gottesmut Israel, seines Gottes Gesetz und das Gottesheiligtum dieses Gesetzes.

Es war am 25. Kislew, als zuerst Antiochus das Haus des Alleinigen Gottes und seines heiligen Gesetzes in einen Tempel des griechischen Götzentums verwandelt und die Bücher des göttlichen Gesetzes zerrissen und verbrannt hatte. Drei Jahre später am 25. Kislew war's, da es zuerst Juda dem Makkabäer, Mathathias' Heldensohne, gelungen war, sich der Stadt und des Tempels zu bemächtigen und, während die Burg noch in Feindes Händen sich befand, den Tempel vom heidnischen Unwesen zu säubern, den Gottesaltar wieder neu aufzurichten, das Allerheiligste dem Alleinigen wieder zu weihen und Israels Tisch und Israels Licht vor dem Allerheiligsten wieder aufzustellen.

Acht Tage feierten sie das Fest des erneuten Altars in dem alten, geretteten Heiligtum und stifteten das alljährlich wiederkehrende achttägige "Weihefest" zu Dank und Preis Dessen, der es nicht zugegeben, daß sein Gesetz vergessen und sein Volk den Geboten seines Willens entfremdet worden wäre, der ihnen darum in ihrer Not beigestanden, den Schwachen und Wenigen den Sieg über die Starken und Vielen verliehen, die Unreinen den Reinen, die Frevelnden Pflichttreuen, die Mutwilligen den treuen Wahrern seines Gesetzes überantwortet und sich den großen und heiligen Namen für immer gestiftet.

Kommentare:

  1. Beim Lesen des Textes war ich sehr beeindruckt von der Glaubensstärke, dem Mut und der von Gott gegebenen Kraft der Seinen. Sie sind ein Licht , an dem man sich auch in den Wirrnissen und Beschwerden des Alltags gleichnishaft orientieren kann.
    Ich danke Gott und Ihnen
    Ein älterer Vater

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    1. Ein herzliches Dankeschön an Sie für die wohltuenden und Mut machenden Worte.

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