Mittwoch, 21. Dezember 2011

Die Chanucka Schelomo's

Von SAMSON RAPHAEL HIRSCH sel. A.

Und der Sohn dieses David, Schelomo, stand nun da, nach vierhundert sechs und achtzig Jahren die zweite Chanucka zu feiern. Es war nicht mehr das durch Wüsteneien flüchtig wandernde, auch nicht das vor dem Schwerte und den Kriegswagen der Nachbarvölker zitternde, sein halbreifes Korn vor ihren Raubschwärmen flüchtende Israel. Der Davidsarm, der einst als Jüngling die Stirne des Gott und Israel lästernden Riesen zu treffen wußte, hatte als Mann, von Gottes Wut gestählt, von Gottes Geist geleitet, Israel Achtung und Recht nach außen zu schaffen gewußt. Kampf, innerer und äußerer Kampf, war die Bedeutung seines Lebens gewesen, Friede und gottgesegneter Wohlstand war das Erbe, das er hinterließ. "Juda und Israel volkreich wie des Meeres Sand, genießend und fröhlich, jeder unter seinem Wein- und Feigenbaume von Dan bis Beer Seba", das jüdische Scepter gefürchtet "vom Euphrat bis zum Mittelmeer nach Egypten hin", und an der Spitze des Ganzen ein Friedensfürst, wunderbar gesegnet an Macht und an Reichtum und an weithinstrahlender Weisheit und Kenntnis - das war das äußere Bild Judäas, als - auf dem Moria-Hügel, wo einst Abraham Isaak, und in ihm die ganze Zukunft seines Volkes, hingebend Gott geweiht - der Prachttempel Schelomo's sich erheben sollte.


Jahrelang hatte der Vater alle im Verteidigungskrieg gewonnenen Schätze für diesen Bau zurückgelegt. Aber nicht der Arm, der das Schwert geführt, und nicht von den Kriegsspolien der Völker sollte dem Gesetz die bleibende Stätte erbaut werden, das gesendet ist, den Frieden der Menschheit zu bringen. Schelomo, der Friedensfürst, hat ihn erbaut.

Sieben Jahre hatte der Bau gedauert. Was nur tyrische Kunst aus Quadersteinen, Zedern, Gold und Silber in unbegrenzter Masse an Pracht zu zaubern verstand, war ausgeführt, und unter diesen prächtigen Bau war nun das bescheidene Mosiszelt und die alte Bundeslade mit dem alten unverkürzten und unvermehrten Gottesgesetz zu bringen.

Ganz Israel war versammelt - es war das Hüttenfest - ganz Israel "von Shamath bis zum egyptischen Bach", ganz Israel vor Gott versammelt. Und es hatten die Priester und Leviten das Zelt und die Gesetzeslade in das Allerheiligste unter Cherubimfittiche getragen - Opfer ohne Zahl waren dargebracht - zu eng war aber der große Raum für die kleine Lade des Gesetzes, - durch den verhüllenden Scheidevorhang drangen die Spitzen der Tragstangen. - War's ein Zeichen, daß nicht in eines Tempels engen Räumen dies Gesetz seine Lösung finden soll, daß es ewig seiner Träger harre, die ihm das Leben zur Stätte weihen? War's ein Zeichen, daß auch dieser prächtige Bau ihm nicht zur ewigen Stätte bleiben, daß die Zeiten kommen würden, wo der Bau in Schutt und Trümmern, zerrissen der Vorhang, undd das Volk die Bundeslade seines Gottesgesetzes wieder auf die Schulter zu nehmen haben würde, sie zu tragen durch die Länder, durch die Zeiten, durch die Wüsten?

Schelomo stand auf dem Gipfel der Blüte seines Volkes. War es das Gefühl, daß dieser Blütengipfel nur ein Punkt, ein schmaler vorübergehender Punkt in dem Geschicke seines Volkes sein werde, das Gefühl, daß diesseits und jenseits dieses Momentes doch der Schmerz und die Verirrung wohne, war es dieses Schmerzgefühl, das Schelomo in dem höchsten Moment seiner Blütezeit ergriff und den Grundton seines ewig denkwürdigen Weihegesetzes zu eine so schmerzlichen stimmte?

Wohl mochte es so sein. Schon als der prächtige Bau noch in der Ausführung begriffen war, war ihm das Gotteswort geworden: "Dieses Haus, welches Du bauest - wenn du in meinen Gesetzen wandeln, meine Ordnungen ausführen und meine Gebote beachten wirst, darin zu wandeln, so werde ich dir mein Wort, das ich deinem Vater David ausgesprochen, erfüllen, werde in Israels Mitte wohnen und werde mein Volk, werde Israel nicht verlassen". Und als die Einweihung des Tempels vollendet - Israel heiter und froh über alles von Gott in so reicher Fülle verliehene Gute in die Heimat gewandert war - als Schelomo alles nach Wunsch vollendet hatte, da erschien ihm in Gibeon, wo er einst als Jüngling von allem Wünschbaren sich Weisheit ersehen, zum zweiten Male Gott und verhieß ihm Erhörung seines Weihegebetes: ewig werde Gottes Auge und Herz dieser Seinem Namen geweihten Stätte zugewandt bleiben und auch seine Herrschaft werde ewig blühen, wenn er mit aufrichtigem Herzen dem göttlichen Gesetze treu bleiben würde; "wenn ihr und eure Kinder aber hinter mir zurückbleiben werdet, werdet meine euch vorgelegten Gebote und Gesetze nicht erfüllen, werdet euch anderen Göttern dienend hingeben, so werde ich Israel von dem ihm verliehenen Boden vernichten, werde das Haus, das ich selbst meinem Namen geheiligt habe, verlassen - und Israel wird zum Beispiel und zur Warnung unter allen Völkern werden. Wer an diesem Hause, das so hoch stehen sollte, vorübergehen wird, wird sich entsetzen und staunend fragen: warum hat Gott diesem Lande und diesem Hause so getan? Dann wird man antworten: weil sie ihren Gott, den Einzigen, der ihre Väter aus Egypten erlöst, verlassen, sich an andere Götter hielten, ihnen sich hingaben, ihnen dienten, darum hat Gott all dieses Unglück über sie gebracht."

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