Sonntag, 29. Januar 2012

Die Nächstenliebe im Judentum

Von MARCUS LEHMANN sel. A.

„Und es erschien ihm der Ewige im Haine Mamre, und er saß am Eingange des Zeltes wie die Wärme des Tages.“

Wie die Wärme des Tages, wie die Sonne ihre wohltätigen Strahlen sendet für Reich und Arm, für Vornehm und Gering, für Fromme und Gottlose, für Gläubige und Ungläubige, für Gute und Böse, für Alt und Jung, so saß Abraham am Eingange seines Zeltes, um tätige Menschenliebe zu üben an allen seinen Mitmenschen. Und siehe, drei Wanderer kommen des Weges; Abraham hält sie für Götzendiener. Trotzdem läuft er ihnen entgegen und bittet sie dringend, bei ihm einzukehren und mit einem Stück Brot ihren Hunger zu stillen. Und da sie eingewilligt, lässt er schnell ein großes Mahl bereiten, lässt schlachten und backen und herbeiholen von Allem, was er an köstlichen Speisen vorrätig hat.
 
Die tätige Menschenliebe, wie sie Abraham an allen Menschen übte, ohne zu unterscheiden zwischen Mensch und Mensch, ohne Rücksicht auf die Unterschiede des Standes, der Religion, der Nationalität, der Rasse, der Hautfarbe, diese allgemeine Menschenliebe und Menschenfreundlichkeit ist ein Erbteil des jüdischen Stammes geblieben. Der Jude findet eine wahrhafte Herzensfreude darin, wenn er in der Lage ist, seinem Mitmenschen Wohltaten zu erweisen, Nackte zu bekleiden, Hungernde zu sättigen, und das Elend, in welcher Form es auch auftreten mag, zu vermindern.

Als Gott den Nachkommen Abrahams die heilige Lehre verkündete, hat Er diese allgemeine Menschenliebe zum Gesetz erhoben. „Und du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst“ (3. Buch Mose 19:18). In der mündlichen Lehre, im Talmud, wird diesem Gebote die größte Bedeutung beigelegt. Rabbi Akiba, der größte Talmudlehrer, erklärt diesen Grundsatz für den größten der Gotteslehre ואהבת לרעך כמוך, רבי עקיבה אומר זה כלל גדול בתורה (Thorath Kohanim zur Stelle).

Ein allgemein bei den Nichtjuden herrschendes Vorurteil, das aus Unkenntnis der jüdischen Lehre entspringt, findet in dem von dem Christentum mit denselben Worten ausgesprochenen Grundsatz einen Gegensatz zu der Lehre des Judentums, und wenn man sie auf ihren Irrtum aufmerksam macht, so behaupten sie kühn, dass unter dem „Nächsten“ in der von uns angeführten Stelle nur der Volks- und Religionsgenosse verstanden werden soll. Gleichsam, wie wenn Shimon ben Asai, der geistvolle, hochbegabte Freund und Schüler des Rabbi Akiba, diesen Einwand geahnt hätte, fügte er zu den Worten seines Lehrers erklärend und ergänzend Folgendes hinzu:

בן עזאי אומר זה ספר תולדות אדם זה כלל גדול מזה

„Dies das Buch der Entstehung des Menschengeschlechts. Dieser Grundsatz ist noch umfassender, als der von Rabbi Akiba angeführte.“

Mit den Worten: „Dies das Buch der Entstehung des Menschengeschlechts“ (1. Buch Mose 5:1) leitet die Heilige Schrift das Geschlechtsregister ein, das allen Nachkommen des ersten Menschenpaares gemeinsam ist. Die Schrift fügt noch hinzu, dass Gott den Menschen in seinem Ebenbilde erschaffen, und diesem Ebenbilde Gottes und der von ihm entnommenen und aus ihm gebildeten Gattin entstammen alle, alle Menschen. Wir haben also in jedem Menschenkinde das Ebenbild Gottes zu ehren und zu achten, in jedem Menschenkind den Bruder oder die Schwester zu lieben, ein Grundsatz, dem der Prophet so schön in den folgenden Worten Ausdruck verleit: Haben wir nicht alle einen Vater, hat nicht Ein Gott uns erschaffen, warum sollen wir treulos handeln ein Mensch gegen seinen Bruder? (Maleachi 2:40).

Wahrlich, die Geschichte der Jahrtausende hat es genugsam bewährt, dass die Tugend der allgemeinen Menschenliebe den Nachkommen Abrahams zu eigen ist wie keinem anderen Volksstamme auf Erden. Dem Hasse und der Verfolgung haben wir niemals Hass und Feindschaft entgegengesetzt. Stets haben wir gern denen verziehen, die uns Übles getan. Dagegen hat stets und immer der Engel der Barmherzigkeit gewaltet in den jüdischen Häusern, und wo und wann der Jude und die Jüdin ihren Mitmenschen Gutes erweisen konnten, haben sie es nie unterlassen. Gehet doch hin und fraget die Armen und Gedrückten, die gezwungen sind, das Mitleid ihrer Mitmenschen in Anspruch zu nehmen, ob es jüdische Türen waren, von denen sie hart und grausam zurückgewiesen wurden, ob es jüdische Hände sind, die ihnen die Gabe verweigern, ob es jüdische Herzen sind, die sich vor ihrer Not und ihrem Unglück verschließen. Aber wenn auch noch so oft Verkennung unser Los ist, so kann und wird diese uns nicht von unsrer Pflicht abwendig machen, und wir werden stets mit freudiger Hingebung das Gebot der allgemeinen Menschenliebe üben, das da ausgesprochen ist in den Worten:


„Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst.“

Der Israelit 1882, Heft 43

Kommentare:

  1. Herr Cabelman, wem haben Sie hier zitiert?

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  2. In der Ausgabe Nr. 43 des Israelit aus dem Jahre 1882 erschien der Leitartikel "Die Nächstenliebe im Judentum". Der Artikel ist namentlich nicht extra gekennzeichnet und es ist deshalb davon auszugehen, dass dieser vom Herausgeber selbst, also von Dr. Marcus Lehmann, verfasst wurde. Ich habe das hier nun dementsprechend berücksichtigt und verbessert. Danke für die Frage bzw. den damit verbundenen Hinweis.

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