Mittwoch, 7. März 2012

Das große Hassen

Von SELIG SCHACHNOWITZ sel. A.

Jüdische Art wertet Dinge und Geschehnisse nach Grund und Quelle, Geschichte und Entstehung, darum verweist die Synagoge vor und am Purim auf Israels Erbfeind in der Wüstenzeit, auf den ersten Hasser des Hasses wegen, auf Amalek.


Darin liegt die Hauptbedeutung des Purims, dass er einen Präzedenzfall hat in Israels erster Werdezeit und selbst zum Präzedenzfalle für eine Verfolgungsgeschichte von Jahrtausenden wird; die große Bedeutung, der mit dem Worte gerecht wird: אם כל המועדים בטלים יום הפורים אינו בטל

Purim, losgelöst von seinem Urgrunde, den er in Amalek hat, würde uns eine bloße hübsche Erzählung von Gelage und Intrige, Gefahr und Errettung bleiben, die uns spannend unterhält, erschüttert und erfreut, aber doch nicht über Jahrtausende hinaus uns in Bann halten könnte. So aber ist er Zauberspiegel, der Jahr für Jahr den Blick von einer trüben, einer neuen Frühlingssonne sich entgegenringenden Gegenwart hinweg zu den ältesten Zeiten menschlichen Hasses lenkt und ihn von dort wieder nach der Menschheit letztem Hoffen zwingt.

Amalek ist Inbegriff des Gemeinen und Gewalttätigen aller Zeiten. Allwo und allwann das Schwert geschwungen, und der Rache Lied gesungen wird, sich Hände regen oder nur Lippen bewegen, um Hass zu streuen und dem שלטת האדם באדם לרע לו Bahn zu ebnen, zieht Amalek verheerend durch die Reihen, wo Machtgier und Siegestaumel die Feder führen und der Völker Schicksale diktieren, da hat Amalek seine Hand im Spiele.

Amaleks Gedächtnis muss aus der Menschengesellschaft, wenn sie physisch und psychisch gesunden soll, restlos schwinden. So lange aber man den einen Helden preist, der am sichersten die Waffe führt und den als Weisen lobt, der die besten Pläne für Völkerschlachten ausklügelt, oder die besten Mordinstrumente schafft, solange es überhaupt Sieg in dem Sinne gibt, dass der Sieger über Tod und Leben des Besiegten entscheidet, so lange lebt auch Amaleks Ruhmgedächtnis in unserer Mitte. Die uns gewordene göttliche Mahnung lautet aber: מחה תמחה את זכר עמלק מתחת השמים auslöschen und auslöschen sollst du das Gedenken Amaleks unter dem Himmel.

Nicht Amalek als Mensch, auch nicht als Volk ist mithin Gegenstand unseres großen Hassens, sondern sein Andenken, sein Ruhmgedächtnis. Ewiger Kampf der unheilbringenden Anschauung, dass Macht und Gewalt uns des Lebens höchste Güter erringen und erhalten könnten! Nicht eher kann der göttliche Thron zu seinem vollen Bestande und der göttliche Name zu seinem vollen lückenlosen Glanze in der Menschenwelt gelangen, als bis diese Ausrottung Amaleks allgemein und restlos durchgeführt ist.

Der Thron – das ist die göttliche Waltung in der sichtbaren Welt der Menschen, Dinge und Erscheinungen. Der Name – die Gotteswahrheit in der unsichtbaren Welt der Geister, der Ideen und Gedanken. Halb aber nur ist כבודו בתחתונים lückenhaft der Thron wie der Name, solange auf Erden das Schwert entscheidet und זכר עמלק dem die Verdienstkrone zuspricht, der den stärksten Arm hat und die schärfste Waffe führt.

Der große Krieg hat als חולש על גוים Völkerkraft gestärkt und gebrochen. Wer in Wahrheit gebrochen und wer gehoben aus diesem blutigen Chaos hervorgeht, wird erst die spätere Geschichte zeigen. Heute aber kann schon als feststehend gelten: ist das, was hier und da zu Boden liegt, Amalekgeist, so kann und wird aus diesem Zusammenbruche neues Leben entstehen noch eher als die Hoffenden zu hoffen wagen. Wo aber Siegestaumel in Druckmitteln und unerfüllbaren Forderungen זכר עמלק aufleben lässt, da ist der höchste Sieg nicht errungen.

Doch ziemt es sich zur Zeit, mehr den Blick nach innen zu richten. In unserem deutschen Vaterlande sind in kritischer Stunde alle guten Geister am Werke, von neuem aufzubauen und aufzurichten. Ihnen, „den Schwachen und Matten auf dem Wege“ fällt aber Amalek in den Rücken, der in Presse und Versammlungssaal den Rassenhass nährt und den Bruderkampf bis zur hamanitischen Konsequenz להשמיד להרוג ולאבד כל היהודים predigt. Von dem Maße, wie es gelingen wird, mit dem Blicke nach oben, zur erhabenen Moseshand, diesen inneren Amalek zu überwinden, hängt es ab, ob und wann wir uns von der politischen Gesunkenheit erheben. Es gilt für uns und alle, Amalek aus dem Wege zu schaffen, der durch die Wüste der Kulturentwicklung vor- und aufwärts führt.

Unsere Purimrolle könnte, an Amalek gewertet, hierin eine Mahnung an die Welt sein. Sie ist kein Rach- und Hassgesang, sondern sie zeigt, wo und wie die Kräfte eines Volkes einsetzen müssen, wenn die Arbeit zum Glück und Gesamtheile führen soll. Im Momente, da an Stelle hamanitischen Vernichtungswillens Recht und Gerechtigkeit einen Sachverwalter finden in einem Mordechai, da ist Jubel und Freude allenthalben im Lande – nicht nur in der befreiten Judengasse והעיר שושן die Stadt Schuschan atmete froh auf.

Ewiger Hass und ewiger Kampf gegen Amalek aller Zeiten, aller Völker!


A freylichen Purim!

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