Dienstag, 17. April 2012

122. Jahrzeit von Dr. Markus Lehmann זצ"ל

24. Nissan 5650 / 14. April 1890

Während der Lebens- und Wirkensjahre unseres großen deutschen Vorbildes in der späten Mitte des 19. Jahrhunderts erhob die "Reform" kühn ihr Haupt. Die neologen "Rabbiner" berieten in Versammlungen und Synoden, wie sie das Erbe unserer Väter, die heilige, alle Zeiten und Verhältnisse überdauernde, von Gott auf dem Sinai uns übergebene schriftliche und mündliche Lehre umzugestalten vermöchten. Kein Wunder, wenn der Abfall von der heiligen Religion immer größere Ausmaße und Dimensionen annahm und ein großer Teil des irregeleiteten Volkes diesen Reformhelden entgegenjubelnd an den Abgrund der Irreligiösität anlangte.

Tapfer und unerschrocken, mit der Macht der Überzeugungstreue und der heiligen Wissenschaft traten die Bamberger, Naphtali Hirsch, Dr. R. Adler, Dr. Hildesheimer gegen sie auf und stellten der sich um sich greifenden Reformwut einen festen Damm entgegen.

Die Orthodoxie war im Grunde mundtot, ein Presseorgan, das ihre Interessen vor der öffentlichen Meinung nach jeder Richtung wirksam vertreten hätte, existierte nicht. Die jüdische Journalistik befand sich damals ausschließlich in den Händen der Reform, so wie sie sich heute ausschließlich in Händen des Nationalzionismus befindet.

Da war es Dr. Lehmann, der im Mai 1860 den "Israelit - Ein Centralorgan für das orthodoxe Judenthum" begründete und wöchentlich mit einem bewunderungswürdigen, nie ermüdenden Feuereifer und unerschrockenem Mute gegen die vermeintliche Allmacht der Reform ankämpfte, für die Unantastbarkeit der uns überlieferten göttlichen Religion mit allen Waffen des Geistes unentwegt seine Stimme erhob, welche in allen Schichten des jüdischen Volkes ihren tiefen Eindruck nicht verfehlte, die treuen Anhänger ermunterte und die Neologen in ihre Schranken zurückwies.

Mit der Hilfe Gottes ist es ihm gelungen, eine dauernde Wendung zum Besseren herbeizuführen. Während vordem die Orthodoxen von ihren anders gesinnten Stammesgenossen verlacht und verspottet wurden, die Orthodoxen selbst jeden Mut eines offenen Kampfes verloren hatten und nur im Innern ihres Hauses durch Seufzen und Jammern ihrem Unmut gegen die Verderbtheit der Zeit Luft verschafften, schaarte sich nach dem ersten öffentlichen Auftreten Dr. Lehmanns die damals noch kleine Zahl gesetzestreuer Männer um den großen Mann, und kaum ein Jahrzehnt war verflossen, als innerhalb der Judenheit ein erfreulicheres Bild wahrzunehmen war.

Die Orthodoxie gelangte jetzt zur Anerkennung. Der sogenannte "neue Jude", den der Nationalzionismus ja seit seinem Bestehen auch zu kreieren wünscht, bekam nun Achtung vor dem gesetzestreuen Kämpfer, welcher unter Hintansetzung seiner materiellen Interessen und unter den größten Entbehrungen in Gesellschaft und im Geschäftsverkehr seinem väterlichen Glauben bis auf die kleinste Nuance treu blieb.

Mehr und mehr fand das orthodoxe Judentum in den Augen selbst der nichtjüdischen Welt und bei den Regierungen die Gleichberechtigung mit dem bisher dominierenden "Reformjudentum".

Spätestens mit dem von Eduard Lasker, dem preußischen Abgeordneten der Nationalliberalen Partei und Freund unseres hochverehrten Rabbiners Samson Raphael Hirsch, erkämpften Gesetz vom 28. Juli 1876 betr. den Austritt aus den Synagogengemeinden (Austrittsgesetz) wurde es Thoratreuen Juden möglich, sich aus religiösen Bedenken, ohne Austritt aus dem Judentum selbst, von der kritisierten und gleichgeschalteten Einheitsgemeinde zu lösen und eigene Gemeindestrukturen zu bilden, in denen der öffentliche Gottesdienst und alle jüdischen Institutionen nach dem Schulchan Aruch eingerichtet und gehandhabt wurden.

Als nach der glücklichen Bekämpfung des inneren Feindes ein äußerer, der Antisemitismus auf die Bildfläche trat, da war es wieder der teuere Dr. Lehmann, der den Kampf mit der widersinnigsten aller Feindseligkeiten, dem Rassenhasse, "der Schmach des 19. Jahrhunderts" aufnahm und im Bewusstsein, einer von allen vorurteilslosen Männern anerkannt gerechten Sache zu dienen, maßvoll für die politischen Rechte seiner Glaubensgenossen die Feder ergriff, wenn auch noch so viele und heftige Angriffe seitens der antisemitischen Presse gegen ihn losgelassen wurden.

Dr. Markus (Meir) Lehmann sel. A. wurde am 25. Teves 5591 (1831) in Verden bei Hannover am Tage der Silberhochzeit seiner Eltern geboren. Sein Vater Rabbi Lemuel Aaron Lehmann sel. A., ein hervorragender Schüler des Rabbi Jecheskel Landau sel. A. war der erste Jude, der sich in diesem Städtchen niederlassen durfte. Selbst ein Talmudist hielt er den jungen Meir frühzeitig zum Thorastudium an. Nachdem dieser daselbst das damals fast ausschließlich nur von Söhnen adeliger Familien und höherer Beamten besuchte Gymnasium mit großem Erfolg absolvierte, setzte er seine hebräischen Studien in Halberstadt zu Füßen seines berühmten und von ihm stets hochverehrten Lehrers, Dr. Israel Hildesheimer sel. A., fort. Er bezog hierauf die Universität Berlin, wo er nebst seinen philosophischen Studien bei Rabbi Michael Landsberger sel. A. seine talmudischen Kenntnisse erweiterte. Es zog ihn alsdann nach Prag. Hier vollendete er seine profanen und die jüdischen Studien, letztere unter Leitung des als scharfsinniger Talmudist in den weitesten Kreisen bekannten Rabbi Samuel Freund sel. A., worauf er in Halle promovierte.

So war das epochemachende Wirken unseres unvergesslichen Rabbiners Dr. Markus Lehmann nach Innen und Außen ein segensreiches, das ihm die ungeteilte Liebe und Anerkennung aller Glaubensbrüder und die Hochachtung seiner Mitbürger erwarb. Seine eminente, tiefeindringende Gelehrsamkeit in dem weiten Meere des Talmuds, in den er viele Jahre hindurch Rabbinatskandidaten einführte, erregten die Bewunderung der Fachwelt.

Seine Wohltätigkeit gegen Arme ging weit über seine Vermögensverhältnisse, seine Herzensgüte und sein Wohlwollen erstreckte sich über alle Menschen ohne Unterschied der Konfession. Dabei war der große Mann von einer unbeschreiblichen Demut beseelt.

Seit etwas mehr als zwei Jahren ist nunmehr uns die Aufgabe zugewachsen und vom Allmächtigen bestimmt, sein Geisteskind, den "Israelit" nicht nur in der gleichen Tendenz und in seinem Sinne fortzusetzen, sondern mit der Hilfe Gottes hoffentlich zu ähnlichen Ergebnissen zu gelangen, die auch fernerhin zum Nutzen und Frommen unserer heiligen Religion sein werden. Mit dem gleichen Feuereifer und Mut, in seinem Verdienst und um seiner und der alten deutschen Orthodoxie willen, werden wir deren Vermächtnis auch vor zionistischer Entartung, diesem neuen inneren Feind, zu schützen wissen.

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