Sonntag, 24. Juni 2012

Walter Rathenau

Mit der ganzen Kulturwelt, mit allen menschlich fühlenden Kreisen des deutschen Volkes steht auch die gesetzestreue Judenheit tief erschüttert an der Bahre Walter Rathenaus.

So fern und so fremd er den geistigen Schätzen des überlieferten Judentums und dem innersten Sinn der jüdischen Geschichte gegenüberstand - hatte er ja niemals Gelegenheit gehabt, Jüdisches anders als durch die Brille der radikalsten liberalen Assimilation zu sehen -, so lebte doch unbewußt in seinem Innern ein Stück echter jüdischer Geistigkeit, jener von der Sehnsucht nach Gott durchdrungene Idealismus der Weltbetrachtung, der an der handfesten Wirklichkeit des mechanischen Geschehens nimmermehr sein Genüge findet. 

Diesen Zug nach dem Höchsten, verknüpft mit all den seltenen Gaben einer überlegenen Intelligenz und länderumspannenden Weltgewandheit, wollte Rathenau restlos in den Dienst des heiß geliebten Vaterlandes stellen. Da traf ihn der Mordstahl. Und es ist nicht zu leugnen, was Pfarrer Korell im Reichstag gesprochen: als Jude ist er gestorben. Weil er von jüdischem Stamme war, umtoste ihn vor andern der blutrünstige Haß einer von Lüge und Verleumdung fanatisierten judenhetzerischen Sippe, die den Mord zur vaterländischen Tat erhebt.

Der Genius der Menschlichkeit verhüllt trauernd sein Haupt - doppeltes Weh aber darf das Herz der deutschen Juden erfüllen: daß diese Tat möglich war in deutschen Landen, und daß sie geschah in einem Augenblicke, da Deutschland eines Walter Rathenau mehr als je bedurft hätte.

Frankfurt am Main, 27. Juni 1922

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen