Dienstag, 17. Juli 2012

Die soziale Gleichheit als Gesetz in Bibel und Talmud

Von Rabbiner HEINRICH GALANDAUER sel. A. (Böhmen)

In dem klaren Selbstbewußtsein, in der Selbstbestimmungsfähigkeit seines Willens, in seiner Vernunft, welche den Trieb zu beherrschen vermag, ist der Mensch ein gottähnliches Wesen, ein Ebenbild, ein Teil der Gottheit (Genesis 1:27 und 3:5), wie es die Schöpfungsgeschichte der Bibel lehrt. Im Selbstbewußtsein des Menschen spricht sich also sein göttlicher Ursprung aus, das Selbstbewußtsein der Gottheit kommt durch ihn zum Ausdruck; er leitet die Herkunft seiner Vernunft von der Gottheit her, welche für ihn das Recht fordert, darum sind auch die Menschenrechte die Gottesrechte des Menschen.


Dieses Gottesrecht muß jedem sittlichen Menschen ohne Vorbehalt, ohne Vorurteil als Teil der Gottheit zuerkannt werden, wer es ihm vorenthält, der verletzt das Gottesrecht in ihm.

Aus diesem Grunde sind alle Menschen, ohne Unterschied der Geburt, des Standes, des Bekenntnisses, vor dem Gottesgesetze vollkommen gleichgestellt. Diese vollkommene Gleichheit aller Menschen vor dem Schöpfer spricht sich sehr deutlich in der ganzen Schöpfungsgeschichte aus. Alle sind sie in Seinem Ebenbilde erschaffen worden. Alle sind sie von einem Menschenpaare entstanden. Der Talmud lehrt, daß Gott deshalb nur Einen Menschen zuerst erschaffen, damit der Eine sich nicht mehr dünken soll als der Andere. Damit der Eine sich nicht brüsten könne, seine Herkunft von adeligem Geschlechte herzuleiten und dem Andern seine niedere Abstammung vorwerfe (Sanhedrin 38b). Allen Menschen wurde das Recht eingeräumt, die ganze Schöpfung als ihr Eigentum zu betrachten, zu herrschen über die Tieres des Feldes, über die Vögel des Himmels und über die Fische des Meeres (Genesis 1:28). Als Gott den Menschen erschuf, erzählt der Talmud, da nahm er die feinsten Staubteilchen von der ganzen Erde zusammen und formte daraus den Erdensohn (Adam), die ganze Erde gehört dem Menschen, die ganze Erde ist seine Heimat, und er hat das Recht, sich dort niederzulassen, wo es ihm beliebt (Sanhedrin daselbst). "Dieses ist das Geschlechtsregister Adams" (Genesis 5:1), "das ist der höchste Grundsatz, das höchste Prinzip in der Thora" (Jeruschalmi Nedarim 89a).

Denn es lehrt die Einheit, die Gleichheit aller Menschen durch ihre Abstammung. Auch nach der Sündflut, als von allen Menschen nur Noah und seine drei Söhne allein übrig blieben, von denen dann die ganze Menschheit abstammte, gab Gott Allen, ohne Ausnahme das gleiche Recht zu herrschen über alles Lebende (Genesis 9:2).

Von diesem Standpunkte aus (daß der Mensch ein Teil der Gottheit ist), ist auch das Gesetz zu betrachten, welches für Noah und seine Söhne verordnet wurde, welches lautet: "Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch vergossen werden, denn im Ebenbilde Gottes erschuf Er den Menschen" (daselbst Vers 6).

Das Gesetz nun hat die Aufgabe, die Gegensätze, welche im Naturzustande zwischen dem Starken und dem Schwachen bestehen, auszugleichen, damit nicht die Macht des Einzelnen sondern der Wille der Gesamtheit, d. h. das Gesetz für Alle bestimmend sei, denn dadurch soll die Person und das Eigentum des Hilflosen geschützt sein vor der Gewalt des Mächtigen. Was nun die Bibel betrifft, so scheint ihr ein Gesetz in solcher Fassung, das so allgemein gehalten ist, gar nicht zu genügen, denn sie verordnet nicht bloß Gesetze, welche befehlen, daß Alle vor denselben gleiche Pflichten und gleiche Rechte haben, sondern sie erläßt auch solche Gesetze, welche ausschließlich den Schutz des Armen, des Niedrigen und Bedrückten zum Ziele haben. Die Bibel denkt in Bezug auf die Gleichberechtigung vor dem Gesetze so radikal, daß sie gar nicht annehmen kann, daß ein Gleichheitsgesetz, welches für Alle nur gleiche Pflichten und gleiche Rechte verordnet, geeignet wäre, die vollkommene Gleichheit in der Gesellschaft herzustellen und dem Menschenrechte eines jeden Einzelnen Rechnung zu tragen.

Wir möchten hier nicht gerne mißverstanden werden. Wir sprechen da nicht vom Staatsrechte, sondern von dem Privatrechte des Individuums im Staate.

Untersuchen wir genau, was das Gesetz leistet, wenn es bloß in den Pflichten und Rechten alle Bürger gleichstellt und Allen den gleichen Schutz für die Person und das Eigentum gewährt, so werden wir finden, daß dadurch nur der gewinnt, der Etwas hat, besitzt, oder etwas kann oder weiß. Deutlich gesprochen heißt das: Das Gesetz der Gleichheit sagt, du darfst Niemand an seiner Person oder an seinem Eigentum schädigen, auch wenn du mächtiger bist als er, dafür wird auch deine Person und dein Eigentum vor Gewalt geschützt. Du darfst Niemanden in der Entfaltung seiner Kräfte und Fähigkeiten hinderlich sein, dafür hast du auch das Recht dein Können zur Geltung zu bringen. Du darfst Niemanden verletzen, dafür darf auch dich Niemand beleidigen. Nun möchten wir fragen:

Wo ist denn für den gesorgt, der nichts besitzt, der keine Fähigkeiten hat, nichts weiß und nichts kann? Was soll der mit dem Gleichheitsgesetze anfangen? Was nützt es ihm? Sein Eigentum zu schützen? Er hat keines. Seine Kraft und Fähigkeit frei zu entfalten? Er besitzt nichts von beiden. Für ihn bestünde die Gleichheit bloß darin, daß er gleiche Pflichten mit den Übrigen hätte. Auf die Gleichheit in den Rechten müßte er aber ganz verzichten, weil er nichts hat, wofür er dieselben beanspruchen könnte. Die Unzulänglichkeit des Gleichheitsgesetzes bekundet sich auch noch in anderer Weise, z. B. wenn unter den Staatsbürgern selbst, Einzelne oder Mehrere untereinander einen moralischen Druck auf die Gesamtheit ausüben, welcher für die Gesellschaft von schädlicher Wirkung sein kann und wogegen das Gesetz nichts auszurichten vermag.

Der Prophet Jesajas schleudert in seinen sprühenden Strafreden dem Volke Israel den Mahnruf ins Angesicht: "Trachtet nach Recht, helfet den Unterdrückten, streitet für die Witwe, schaffet dem Waisen sein Recht" (Jesaja 1:17). Seiner erhabenen Fantasie schwebt das hohe Ideal vor, daß alle Völker dem Gottestempel zuströmen werden, daß ein Tag kommen wird, wo es keine Höhen und keine Niederungen in der Gesellschaft geben wird, wo die Mächtigen und Hilflosen in friedlichem Beisammenwohnen einander gleichgestellt sein werden und wo beide gleiche Rechte genießen werden.

"Friede, Friede", ruft der Prophet, "Friede, Friede dem Fernen wie dem Nahen, spricht der Herr" (Jesaja 57:20). Wie für Salomo, so ist auch für Jesaja der Zionstempel ein Bethaus für alle Völker (56:7).

"Fürwahr", spricht der letzte in der Prophetenreihe, "einen Vater haben wir Alle, ein Gott hat uns Alle erschaffen, warum sollen wir Einer gegen den Andern treulos handeln?" (Maleachi 2:10).

In dem Talmud, welcher entweder als eine Ergänzung zum schriftlichen Gesetz der Bibel (Tradition), oder als der kompetente Erklärer und Ausleger dieses Gesetzes gilt, und welcher demzufolge auch von den Grundprinzipien der Bibel nicht abweichen darf, findet gleichfalls das Gleichheitsgesetz und die Achtung der Menschenrechte der Niedrigen und Verlassenen in Verordnungen, Satzungen und Sentenzen beredten Ausdruck.

Der Talmud trägt den Fragen von Menschenrechten Rechnung, wenn er beispielsweise verordnet: "Man ist verpflichtet, die Armen fremder Bekenntnisse gleich den israelitischen Armen zu unterstützen; ihren Kranken gleich den israelitischen Trost und Heilung zu spenden; ihre Toten gleich den israelitischen pietätvoll zu beerdigen (Gittin 61a). "Wer die Mildtätigkeit anruft, wer immer es auch sein mag, man muß sie ihm gewähren und niemand hat das Recht erst zu untersuchen, welchen Glaubens, welchen Standes, ja nicht einmal welchen Charakters der Bedürftige ist" (Baba Bathra 9a). "Von Heiden werden ebenso gut Opfer angenommen wie von Hebräern" (Minachot 73b). "Auch werden von Heiden Spenden angenommen zur Restaurierung des jerusalmitischen Tempels" (Erechin 6a). "Ein Bastard, welcher Bildung und Intelligenz besitzt, ist ehrwürdiger als der Hohepriester, der unwissend ist" (Horijoth 13a). "Strenge wird geahndet, wer einen Fremdling kränkt oder unterdrückt; in ersterem Falle macht er sich dreier Vergehen, im Letzteren zweier Übertretungen schuldig" (Baba Meziah 59b). Die Gleichheit vor dem Gesetze soll nicht bloß in Bezug auf die Person, sondern auch in Bezug auf die Sache herrschen, um welche das Gesetz angerufen wird; die geringste Sache soll mit derselben Genauigkeit behandelt werden, als die wichtigste (Sanhedrin 8a). "Sobald die vollkommene Gleichheit vor dem Gesetze aufhört und das Ansehen geachtet und bevorzugt wird, hört auch das Ansehen und die Autorität des Gesetzes selbst auf. Der himmlische Richter wird geringeschätzt, der weltliche Gesetzgeber mißachtet, die Gewalt wird zum Recht und anstatt Gottesfurcht herrschft Furcht vor dem Menschen" (Sota 47b).

Deutlichen Ausdruck findet ferner die allgemeine Gleichheit in dem Ausspruch: "Jeder Mensch, und selbst der Heide, der sich mit Wissenschaft befaßt, ist dem Hohenpriester gleichgestellt" (Avoda Sara 3a). Weil der Mensch ein gottähnliches Wesen ist, so hat auch ein Jeder das Recht und sogar die Pflicht, das Selbstbewußtsein in seinem Innern so zu pflegen, daß er sagen kann: Meinethalben ist diese ganze Schöpfung hervorgebracht worden (Erubin 18a). Das Gleichheitsprinzip des Talmud erstreckt sich sogar bis auf das jenseitige Leben, und dem redlichen, ehrlichen Heiden wird ebenso das ewige Seelenheil zuerkannt, wie dem Frommen in Israel (Sanhedrin 105a und Maimonides Kommentar zur Mischna Chelek).

Im Traktat Aboth, welcher wundervolle und edle Perlen der Moralweisheit enthält, sind eine Menge von Sentenzen zu finden, welche nicht bloß die Liebe zu den Glaubensgenossen, sondern allgemeine Menschenliebe predigen, von denen wir hier bloß einige anführen möchten. So z. B.: "Beurteile jeden Menschen mit Güte und Milde" (Aboth, 1. Abschnitt). "Sei ein Schüler Ahrons, nach Friede strebend und liebend die Menschen" (daselbst). "Komme jedem Menschen mit Freundlichkeit entgegen" (daselbst). "Empfange jeden Menschen mit Freudigkeit" (daselbst, 3. Abschnitt). "Von hohem Werte und besonders beliebt ist der Mensch (bei Gott), denn er ist im Ebenbilde Gottes erschaffen worden" (daselbst). Daß damit überall der Mensch im Allgemeinen gemeint ist, beweist der unmittelbar darauffolgende Satz: "Beliebt sind die Israeliten (bei Gott), denn sie werden Seine Kinder genannt" (daselbst).

Wenn wir oben die Stelle zitiert haben, wo der Talmud einem Jeden soviel Selbstbewußtsein anempfiehlt, daß er in seinem Innern von seiner Gottähnlichkeit ganz durchdrungen, sich für wert und fähig halten soll zum Höchsten und Edelsten, so muß jeder Mensch anderseits nach Außen dem Nebenmenschen gegenüber, der auch ein solch gottähnliches Wesen ist, die größte Demut und Bescheidenheit bekunden: "Verachte keinen Menschen, heißt es, sei von Demut erfüllt vor jedem Menschen" (daselbst 4). "Die Lehre Gottes kann nur durch Menschenliebe erworben werden" (daselbst 6).

Es wäre ermüdend alle die Stellen hier folgen zu lassen, welche uns im Talmud die allgemeine Menschenliebe, die Humanität und die Mildtätigkeit, selbst den Heiden gegenüber auf's Klarste dartun, und welche die Gleichberechtigung aller Menschen, insofern sie ihre Menschenpflichten treu beobachten, beweisen. Wir wollen nun zum Schluß noch die eine Stelle aus Maimonides nicht unerwähnt lassen, welche die Gleichheit aller Stände lehrt, und daß der Niedrigste in Folge seiner Fähigkeit, das Höchste zu erlangen, berechtigt ist. "Die Größten unter den Weisen", sagt Maimonides (Jad Hachasaka, Hilchoth Matanoth Anijim, 10. Abschnitt), "gehörten der niedrigsten Klasse der Arbeiter an. Viele von ihnen waren Holzbauer, Balkenträger, Wasserschöpfer, Kohlen- und Eisenarbeiter."

Das Ergebnis dieser Abhandlung läßt sich nun in den folgenden Punkten zusammenfassen:
  1. Das Gesetz als solches kann nur ein Gleichheitsgesetz sein.
  2. Das Gleichheitsgesetz als von der Vernunft diktiert, muß auch das Gottesgesetz, die Bibel, als der Ausfluß der höchsten Vernunft (Gott) notwendigerweise verordnen.
  3. Das Gleichheitsgesetz der Bibel legt Allen gleiche Menschenpflichten auf und erteilt Allen gleiche Menschenrechte.
  4. Wo das allgemeine Gleichheitsgesetz für den Bestand der Besitzlosen und der Unfähigen unzureichend wird, muß das Gesetz zur Wahrung und Berücksichtigung der Menschenrechte des Niedrigen und Verlassenen in jedem einzelnen Falle erweitert werden.
In dem Sinne dieser Gesetze der Bibel und des Talmud stritt einst Gott für die Hebräer in Ägypten, stritten die Plebejer im alten Rom gegen die Aristokraten, welche sich in ihrem Eigendünkel die Patrizier, die Väter des Volkes nannten, stritten Voltaire und Rosseau mit den Waffen des Geistes und des Witzes, forschten und lehrten die größten Denker und Philosophen, kämpften die heldenmütigen Söhne der großen französischen Revolution, und in diesem Sinne werden zu allen Zeiten die Besten und Edelsten unter den Menschen bereit sein, mit allen ihren geistigen und materiellen Gütern, kühn und unerschrocken in die Schranken zu treten für das Gesetz, für vollkommene Gleichheit vor demselben und für Menschenrechte.

Kommentare:

  1. Ein interessanter Bericht Herr Cabelman, danke. Doch warum ist es für Sie "ermüdend" im Talmud nach all den Stellen zu gucken, die die Menschen- und Nächstenliebe beinhalten?

    Zu Moshe Silman, der sich in Tel AVIV öffentlich selber verbrannte wegen mangelnder sozialer Gerechtigkeit: Sollten wir alle uns nicht schämen, daß wegen unserer Ungerechtigkeit gegenüber den Armen und Unterdrückten ein Mann wie Moshe Silman keinen anderen Ausweg mehr sieht, als sich selbst öffentlich abzufackeln? Nicht er ist gescheitert, wir sind gescheitert.

    In der Weltanschauung des verkommenen Nazi- "Hochadels" wird dem menschlichen Leben kein großer Wert zugesprochen. Das Individuum zählt nichts. Alles, worauf es ankommt, ist die den sozialen Rang bestimmenden wirtschaftliche Position. So werden nicht nur die Menschenrechte, sondern auch der technologische Fortschritt durch eine bestimmte Führungsschicht behindert, die daran interessiert ist, ihre wirtschaftlichen Privilegien auf Kosten der schwächeren zu behaupten. - Fortsetzung folgt...

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    1. Der Autor meinte das mit dem "ermüdend" sicherlich so, daß es soviele sind, und es für den Leser von daher ermüdend sein könnte.

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  2. Sie haben natürlich Recht Herr Cabelman.

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