Sonntag, 25. November 2012

Zur Lage

Adar/Nissan 5693 - März/April 1933
 

Von Dr. ISAAC BREUER sel. A.
 

Die Stunde der Bewährung ist gekommen. Die siegreiche nationale Revolution in Deutschland ist einstweilen von einer starken antisemitischen Strömung begleitet. Sie legt allen deutschen Juden ihr Judentum als Schicksal auf. Wohl den deutschen Juden, die dieses Schicksal verstehen und aus ihm Berufung herleiten können.

Vor mehr als hundert Jahren brach unter den deutschen Juden die Pest der Reform aus. Sie war, zum mindesten in ihrer Wirkung auf die Masse, keine religiöse Bewegung. Das Streben nach bürgerlicher Emanzipation war ihre eigentliche Triebfeder. Um dem deutschen Volke äußerlich und auch innerlich sich anzugleichen, gab sie die heiligsten Güter des Judentums ohne Skrupel preis, erniedrigte die göttlich ewigen Forderungen des Judentums zu zeitgeborenen und zeitgebundenen Menschlichkeiten, warf sich zur Sittenrichterin über jüdische Lebensgesetze und Lebenssituationen auf, die ihr nur noch orientalische Gewohnheiten und Gebräuche waren, schied sich von der historischen Vergangenheit unseres Volkes und seiner historischen Zukunftshoffnung und brach dem Gotte Israels und seiner Thora radikal die Treue. Die große Mehrheit der deutschen Juden ist der Propaganda der Reform, die alle Gründe der Nützlichkeit, der Klugheit, der Bequemlichkeit, des Profits, des Rationalismus, der Gedankenlosigkeit auf ihrer Seite hatte, zum Opfer gefallen.

Fassungslos stehen heute die Urenkel dem Geschehen gegenüber. Gott hat Nein gesagt. Gott wollte nicht und will nicht. Gott hat den Weg, den die Reform den deutschen Juden wies, in Irre und Wirrnis, in Trübsal und Bestürzung münden lassen.

Dieser Weg war ein Weg der Unwahrheit und nicht ein Weg der Wahrheit. Er machte aus den Urenkeln derer, die ihn trunkenen Wahnes beschritten, Juden ohne Judentum. Er hinterließ bei ihnen jüdische Eigenart ohne jüdisches Wissen und ohne jüdischen Glauben; jüdisches Blut ohne jüdische Idee. Gegen das jüdische Blut aber, nicht gegen die jüdische Idee, ist der deutsche Antisemitismus gerichtet.

Die jüdische Idee: der deutsche Antisemitismus kennt sie nicht. Er sieht, ohne Liebe und ohne die mindeste Einfühlung, jüdische Eigenart. Und er sieht, was deutsche Juden an Geistigem geleistet haben, nicht weil sie Männer sind der jüdischen Idee, sondern weil sie längst aufgehört haben, es zu sein.

Die jüdische Idee: kennen wir sie denn selber? Zeigt nicht der Zionismus in all seinen Schattierungen, wie fern selbst solche von der jüdischen Idee sind, die den Willen zum Judentum haben? Ist nicht der Zionismus seinem innersten Wesen nach - Semitismus, und als solcher genauso auf das jüdische Blut konzentriert, wie der - Antisemitismus? Trennt man den Juden von der jüdischen Idee, so bleibt übrig - Semitismus. Am Ende des Weges der Reform stehen die Dämonen des Semitismus und des Antisemitismus.

"Edel sei der Mensch, hilfreich und gut": Wohl darf gesagt werden, daß dieser hohe Satz den Inbegriff des Lebensideals der besten deutschen Juden bildete, nachdem sie die jüdische Idee verloren hatten. Getrost können wir den Vergleich des jüdischen Menschen und des deutschen Menschen in Deutschland dem Richterspruch gerechterer Zeiten überlassen. Es war der jüdische Mensch in Deutschland, in all seiner Thora-Untreue, an Werken der Liebe, der Güte, der Menschlichkeit so reich wie der Granatapfel an Kernen. Aber das Bekenntnis zu reinem Menschentum, das keine Schranke des Blutes duldet, genügt nicht zur Rechtfertigung, zur Erklärung jenes ungeheuerlichen Vorsatzes des jüdischen Menschen, nach Untergang seines Staates und trotz der Zerstreuung sich in der Geschichte der Nationen zu behaupten. Erschöpfte sich die jüdische Idee im Inhalt jenes Satzes, so wäre jüdisches Blut in der Tat nichts als - Semitismus.

Was ist der Sinn jüdischen Schicksals? Warum ist eine Menschengruppe ausgeprägtester Eigenart zum Leidensgang inmitten der Nationen verurteilt, um immerwährend - Los der fremden Minorität - nicht nach seinen besten oder auch nur nach seinen durchschnittlichen, sondern nach seinen schlimmsten Gliedern allgemeine Bewertung zu finden?

Auf den Lippen der jüdischen Jugend Deutschlands schwebt heute diese Frage. Glücklich die Eltern, die um Antwort nicht verlegen sind.

Aus dem Antisemitismus der nationalen Revolution Deutschlands tönt nicht nur Gottes Nein zum Irrweg der Reform, sondern auch Gottes Weckruf zur Rückkehr und Aufkehr zur jüdischen Idee. Nur die jüdische Idee können wir wirksam dem Antisemitismus entgegenstellen, denn sie kehrt sich auch gegen den - Semitismus.

Bekenntnis zur Nation ist der Sinn der deutschen Bewegung. Unbedingte Bejahung der Nation soll die Gegensätze der Klassen, der Stände und Konfessionen ausgleichen. Nicht jedoch den Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden. Denn die Juden stehen - blutmäßig - außerhalb der Nation. Dieser Gegensatz soll, wenigstens nach der heutigen Tendenz, bleiben.

Die jüdische Idee kennt diesen rein blutmäßigen Gegensatz der Nationen nicht. Ihr ist Blut nicht unabwendbares, nicht endgültiges Schicksal. Nach dem Gesetz der Thora kann jeder Deutsche, wenn er sich zur jüdischen Idee bekennt, vollwertiger Jude werden. Nach dem Gesetz der Thora hat die jüdische Idee den Primat vor dem jüdischen Blut. Judentum und Semitismus sind nicht wesensgleich.

Judentum in seiner geschichtlichen Ausprägung ist die Lehre vom Königtum Gottes. Gott ist dem Judentum nicht nur Naturgesetzgeber, sondern auch Menschenrechtsetzer. Nach jüdischer Auffassung ist es das geschichtliche Ziel aller Nationen der Erde, dermaleinst aus Gottes Hand ihr nationales Recht zu empfangen und Gott als Staatsnationen ihres Gottesstaates zu dienen. Die Ausschaltung Gottes als nationalen Gesetzgeber gilt dem Judentum als menschheitliche Verirrung, die am Ende der Zeiten ihre Korrektur finden wird. Bis zu diesem Ende der Zeiten die Lehre vom Königtum Gottes inmitten der Menschheit wach zu erhalten, wach zu erhalten durch Treue bis in den Tod für das der jüdischen Nation geoffenbarte nationale Recht der Thora: das ist der geschichtliche Sinn des jüdischen Martyriums. Nicht aus - Semitismus hat der Jude sich in der Geschichte behauptet. Er hat seine nationale Eigenart bewahrt, weil das Gottesrecht der Thora sein nationales Gottesrecht ist und nur im nationalen Leben der Zukunft volle Verwirklichung finden kann.

Die jüdische Idee verneint nicht die Nationen, sondern bejaht sie in höchstem Ausmaß. Gottes Stiftungen sind ihr die Nationen, und nicht Klassen und Stände, sondern die Nationen werden einst an Gottes heiligem Berg, gleichwie die jüdische Nation am Sinai, das Recht ihrer nationalen Lebensgestaltung erhalten. Es ist der stolze Glaube des jüdischen Menschen, daß er mit seinem Gott dienenden Nationalismus diese Zukunft der Nationen der Menschheit vorweglebt. Der jüdische Nationalismus ist das Bekenntnis zum Königtum Gottes. Zwischen diesem Nationalismus und der Treue zur deutschen Nation besteht nicht nur kein Gegensatz: gerade dieser nur und nur Gott dienende Nationalismus macht die Treue zur deutschen Nation zu von Gott gegebener Pflicht. Es ist das Höchste, dessen Menschen gewürdigt werden können: für Gott zu leiden. Wem die jüdische Idee eine Wahrheit ist, dem ist sie mit keinem Opfer zu teuer erkauft.

Anders als bisher, bewußter und intensiver müssen wir unsere Jugend für die geschichtliche Idee des Judentums erziehen. Sehnsüchtiger als je schauen wir heute nach dem Ziel der Zeiten. Vor unserem Auge schwebt das Heilige Land, die Stätte kommender Gottesherrlichkeit. Wie das Gottesrecht der Thora einer Gott dienenden Nation bedarf, so schreit es nach dem Gott dienenden Land. Errichten wir in unseren Herzen den Gottesstaat der Zukunft, und lassen wir uns alsdann von unseren Herzen zur Tat treiben, im Dienste der jüdischen Nation und im Dienste der deutschen Nation, liebend vereint im Gotteshause der Menschheit.

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