Dr. Marcus Lehmann
Rabbi Joselmann von Rosheim
Eine historische Erzählung aus
der Zeit der Reformation
2 Bände
Verlag H. Bergmann, Frankfurt a. M., 1925
Rabbi Joselmann von Rosheim
Eine historische Erzählung aus
der Zeit der Reformation
2 Bände
Verlag H. Bergmann, Frankfurt a. M., 1925
Erstes Kapitel
Wieder einmal zog die Kriegsfurie durch das deutsche Vaterland. Herzog Georg der Reiche von Bayern-Landshut war am 1. Dezember 1503 gestorben und hatte, da er ohne männliche Nachkommen war, seinen Schwiegersohn, den Pfalzgrafen Ruprecht, Sohn des Kurfürsten Philipp von der Pfalz, zum Erben seines Landes eingesetzt, trotz der bestehenden Erbverträge, welche die weibliche Nachfolge ausschlossen und nach denen die Herzöge Albrecht und Wolfgang von Bayern-München die einzigen Erbberechtigten waren. Da sich Pfalzgraf Ruprecht und dessen Gemahlin Elisabeth gewaltsam in den Besitz der Bayern-Landshutschen Lande setztten, so klagten die rechtmäßigen Erben beim Kaiser Maximilian I., der zu ihren Gunsten entschied und, da sein Entscheid keinen Gehorsam fand, den Pfalzgrafen Ruprecht und dessen Vater, den Kurfürsten Philipp, in die Acht erklärte. Der Achterklärung folgte ein wütender, verheerender Krieg. Nicht mnur die Herzöge Albrecht und Wolfgang, sondern auch der Schwäbische Bund machte in Verbindung mit einem Teile der Truppen des Kaisers auf die Landshutschen Länder einen heftigen und verheerender Angriff. Zu gleicher Zeit drang ein markgräfliche-brandenburgisches Heer vereint mit den Truppen der freien Reichsstadt Nürnberg in die Oberpfalz ein; der Herzog Ulrich von Württemberg und der Landgraf Wilhelm von Hessen griffen von verschiedenen Seiten die Unterpfalz an, während die Landsknechte Kaiser Maximilians die kurpfälzischen Besitzungen im Elsaß und im Sundgau wegnahmen.
Zu den kurpfälzischen Besitzungen im Elsaß gehörte auch Rosheim, ein schönes, gewerbreiches Städtchen in der Nähe von Schlettstadt, in dem schönen Tgale der Mogel gelegen, wohlhabend durch seine von Kranken aus der Nähe und Ferne gern und häufig aufgesuchten Mineralquellen, seine Baumwollwebereien, seine Ankerschmieden und allerlei andere Gewerke. Der größte Schatz, das köstlichste Kleinod von Rosheim war zu jener Zeit ein Jude namens Joselmann ben Gerson aus der Familie Loans. Die Familie Loans war in Israel hochberühmt 1); ihr Stammvater war Rabbi Schelomoh Jizchaki, der große Erklärer von Bibel und Talmud (Raschi). Aus dieser Familie war eine große Menge gelehrter und heiliger Männer hervorgegangen, die oftmals ihre Glaubenstreue mit ihrem Blute besiegelt und ihr Leben zur Heiligung des göttlichen Namens geopfert hatten. Sie stammte aus Louans in Südfrankreich, woher sie ihren Namen trägt, und hatte sich nach der Vertreibung der Juden aus Frankreich im Jahre 1395 in Endingen in der Schweiz angesiedelt. Hier wartete ihrer ein Ende mit Schrecken. Im Jahre 1471 tauchte eines jener entsetzlichen Märchen auf, um deretwillen so viel unschuldiges jüdisches Blut vergossen worden ist. Es wurde behauptet, die Juden hätten ein Christenkind getötet, um das Blut zum Peßachfeste zu verwenden. Solche törichten, wahnsinnigen Behauptungen genügten, um die gräßlichsten Verfolgungen hervorzurufen. Rabbi Gerson, der Vater Rabbi Joselmanns, und seine drei Oheime wurden eingekerkert; Rabbi Gerson gelang es zu entfliehen. Den andern erpreßten die fürchterlichsten Folterqualen Aussagen, an denen kein wahres Wort war; sie wurden verbrannt.
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1) Ob wohl noch gegenwärtig Nachkommen dieser einst hochberühmten Familie existieren? Das Mainzer Memorialbuch feiert das Andenken eines Urenkels des Helden unserer Geschichte, der ebenfalls Rabbi Joselmann hieß und durch Frömmigkeit und Gelehrsamkeit hervorragte; er starb im Jahre 1671. Auch die Wormser Memorialbücher erwähnen eine Urenkelin.
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Rabbi Joselmanns Vater hatte sich nach dem Elsaß geflüchtet und sich in Oberehnheim (Obernay) niedergelassen. Aber nicht lange sollte er hier Ruhe finden. Im Mittelalter gab es keine stehenden Heere. Wenn die Fürsten einander bekriegten, so warben sie Söldner an, die sie nach Beendigung des Krieges wieder entließen. Diese entlassenen Krieger, ohne Sold, ohne Einkommen, ohne Brot, durchzogen dann häufig raubend und plündernd das Land. Da hatten dann die armen, schutzlosen Juden am meisten zu leiden. So erging es den Israeliten des Elsaß im Jahre 1477. Nach Beendigung des Krieges gegen Karl den Kühnen, der in der Schlacht bei Nancy gefallen war, entließ König Ludwig XI. von Frankreich die Schweizer, die er in Sold genommen hatte. Auf ihrer Rückkehr in die Heimat beschlossen die Unmenschen, zuvor mit wenig Mühe große Beute zu erlangen. Sie überfielen die Juden von Schlettstadt, Bergheim, Kaisersberg, Bischheim, Amersweiler, Dürkheim, Colmar und Ensisheim, beraubten sie und töteten sie, wenn sie sich weigerten, zum Christentum überzutreten; 74 Personen, darunter Rabbiner, Frauen, Jünglinge, Jungfrauen, Knaben und kleine Mädchen haben bei dieser Gelegenheit den Namen Gottes geheiligt und den Tod dem Glaubenswechsel vorgezogen; nur sechs Männer nahmen gezwungen die Taufe an, von denen jedoch fünf später zu ihrem Vater im Himmel zurückkehrten; nur einer, der schon vorher sich durch ein leichtsinniges, unfrommes Leben zum Schlechten ausgezeichnet hatte, blieb dauernd dem Judentum fern und starb später als Christ in Colmar. - Viele Israeliten, unter ihnen Rabbi Gerson, der Vater Rabbi Joselmanns, und alle seine Familienangehörigen, hatten sich nach der Festung Lützelstein geflüchtet, und wenn sie da auch viel zu leiden hatten von Hunger, Durst und Kälte – es war im Januar und der Winter war kälter als seit Menschengedenken – so blieben doch ihr Leben und das Eigentum, das sie mit sich gebracht hatten, unversehrt. - Schlimmer erging es andern, die sich ins Gebirge geflüchtet hatten, um sich dort vor den Verfolgern zu verbergen. Die Kälte trieb sie aus dem Gebirge hervor nach dem Städtchen Dürkheim im Elsaß. Hier flehten sie die christlichen Bewohner des Städtchens an, sie zu verbergen. Diese hatten auch anfangs Mitleid mit den Unglücklichen und nahmen sie in ihre Häuser auf. Als aber die Verfolger herankamen, fürchteten sie für ihr Leben und ihre Habe und lieferten die armen Juden den wilden Söldnern aus. Die Armen wurden geplündert und sollten dann gezwungen werden, zum Christentum überzutreten; aber alle, ohne Ausnahme, selbst die kleine Knaben und Mädchen, erklärten, lieber sterben zu wollen, warfen sich zur Erde nieder und weinten und flehten, daß man ihres Lebens schone und kein unschuldig Blut vergieße. Da gewährte die Habsucht der Söldner, die noch stärker war als ihre Mordlust, den Unglücklichen einen kurzen Aufschub. „Wenn ihr“,“ sprach der Anführer, „bis morgen mittag um diese Zeit euch mit achthundert Goldgulden löset, zehn Goldgulden die Person, so soll euch euer Leben geschenkt sein.“ So sprach der Hauptmann; aber für die Unglücklichen war die Aussicht auf Rettung gering, denn alle Juden weit und breit waren getötet, beraubt oder entflohen.
Die Stadt Mühlhausen hatte vor den Söldnern ihre Tore geschlossen, und so waren die dortigen Juden von der Verfolgung verschont geblieben. Daselbst wohnte ein frommer, edler, wohlhabender Mann, namens Juda Bamis; als dieser von der Ermordung seiner Glaubensgenossen hörte, da trauerte er, zerriß seine Kleider und setzte sich mit all den Seinen auf die Erde, geradeso wie jemand um einen nahen Verwandten, den der Tod hinweggenommen hat, trauert. Zu Juda Bamis kam die Kunde von den in Dürkheim mit dem Tod Bedrohten. Da raffte er alles zusammen, was er an barem Gelde besaß, verkaufte noch Gold und Geschmeide, bis er achthundert Goldgulden beisammen hatte; diese übergab er seinem Knechte namens Mordechai und befahl ihm, sich auf den Weg nach Dürkheim zu machen, um die Gefangenen auszulösen.
Unterdes war die vom Hauptmann der Söldner bewilligte Frist verstrichen, und lautlos gottergeben erwarteten achtzig Personen den Tod durch Mörderhand. Zwei Männer, einer namens Benet (Benedikt), der andere ein Gelehrter, ein vornehmer, hochangesehener Mann namens Rabbi Zadok, sollten zuerst abgeschlachtet werden. Sie knieten nieder, sprachen das Sündenbekenntnis und entblößten den Hals dem Mordschwerte der rohen Gesellen. Da rief es plötzlich: „Halt, halt! Ich bringe das Lösegeld!“ Der treue Knecht Mordechai war es; er war die ganze Nacht und den ganzen Vormittag gewandert, ohne sich Rast zu gönnen. Jetzt stürzte er nieder zu den Füßen des Hauptmannes, den goldgefüllten schweren Beutel hoch emporhaltend. Und die Räuber nahmen das Geld und entließen die Gefangenen, die der treue Mordechai in das Haus des Juda Bamis nach Mühlhausen führte, woselbst sie sich von allen ausgestandenen Drangsalen erholten. Nur jener Benet, der schon das Schwert gegen seinen Hals ausgestreckt gesehen hatte, war infolge des Schreckens stumm geworden und erlangte erst nach einem halben Jahre die Sprache wieder. Groß war die Freude des Juda Bamis, daß es ihm vergönnt war, so vieler Menschen Leben zu retten, und er entließ die Geretteten, die er mit allem Nötigen versorgte, nicht eher, bis jede Gefahr vorüber und der letzte der Schweizer Söldner hinweggezogen war. Und Gott segnete den edlen Mann mit großem Reichtum und großem Ansehen, ihn und seine Nachkommen; denn wer Leben und Vermögen wagt, um Unschuldige vom Tode zu erretten, der genießt die Früchte seiner guten Taten in dieser Welt; der Hauptlohn bleibt ihm aufbewahrt für die zukünftige Welt.
Rabbi Gerson Loans kehrte, als er die Festung Lützelstein verließ, nicht nach Oberehnheim zurück, sondern ließ sich in Rosheim nieder, wo ihm ein Sohn geboren wurde, den er Joseph – mit dem Beinamen Joselmann – nannte. Dieser Joseph sollte, wie einst der erste dieses Namens in Ägypten, ein Befreier, Erretter und Versorger seines Volkes werden.
Fortsetzung folgt